Was bedeutet wachsen in Deutschland – die Vorfrage
Bevor ich die Frage beantworte muss ich sie schärfen. "Wachsen" kann viele Dinge bedeuten. Überleben mit intensivem Winterschutz? Dauerhaft ohne Schutz gedeihen? Höhen erreichen die imposant aussehen? Früchte tragen? Blühen? Je nachdem was man darunter versteht ändert sich die Antwort erheblich.
Für diesen Artikel verwende ich eine pragmatische Definition: dauerhaft kultivierbar bedeutet dass die Pflanze an einem gut gewählten Standort mit dem für die jeweilige Zone üblichen Aufwand über viele Jahre überlebt und erkennbar wächst. Kein jährlicher Überlebenskampf, kein ständiges Neupflanzen. Eine Pflanze die jedes Jahr nach einem schwierigen Winter fast stirbt und sich mühsam erholt gilt bei mir nicht als dauerhaft kultivierbar.
Mit dieser Definition ist die Antwort regional sehr unterschiedlich. Deutschland ist kein einheitlicher Klimaraum und Palmen honorieren das.
Zone 8 – die privilegierte Ausnahme
−12 bis −9 °CRegionen: Bodenseegebiet (Konstanz, Lindau, Überlingen), Oberrheintiefebene (Freiburg, Breisach, Teile Karlsruhes), Insel Mainau, bestimmte Stadtlagen im Rheinland.
In Zone 8a sind die Möglichkeiten am weitesten. T. fortunei ohne Schutz ist selbstverständlich. Chamaerops humilis im Freiland funktioniert. Butia odorata an besten Südlagen mit leichtem Winterschutz. T. latisectus als robuste Breitblatt-Hanfpalme. Brahea armata in Experimentierstimmung an Süd-Trockenwänden. Jubaea chilensis in ersten Freilandversuchen.
Diese Pflanzen alle zusammen machen aus Zone-8-Gärten etwas das sich wie Norditalien anfühlt – weil es klimatisch nicht weit davon entfernt ist.
Zone 7b – das deutsche Palmenzentrum
−15 bis −12 °CRegionen: Rheinland, Ruhrgebiet, Hamburger Stadtgebiet, Bremer Stadtgebiet, Mainz, Teile Hessens, milde Stadtlagen bundesweit.
T. fortunei ist die unbestrittene Hauptpalme in Zone 7b. Gut eingewurzelt, guter Standort, ein einfacher Herzschutz – und sie wächst jahrzehntelang. T. wagnerianus als windresistente Alternative. Sabal minor an trockenen sonnigen Stellen. Chamaerops humilis mit etwas Herzschutz an gut geschützten Lagen.
Zone 7b ist der Bereich wo Palmenkultur in Deutschland vom Experiment zum Alltag wird. Hier stehen die meisten Freilandpalmen des Landes.
Zone 7a – die Mehrheit Deutschlands
−18 bis −15 °CRegionen: Bayern (außer Bodensee und Hochlagen), Sachsen, Thüringen, Hessen, Baden-Württemberg Mittellagen, weite Teile NRWs außer Großstädten.
T. fortunei aus guter Herkunft – bevorzugt nordchinesische Linie oder Bulgaria-Selektion – mit konsequentem Herzschutz. In Zone 7a ist Herkunft noch wichtiger als in milderen Lagen weil die Temperaturen regelmäßig in Bereiche kommen wo minderwertige Ware versagt.
T. wagnerianus funktioniert gut. Sabal minor ist eine interessante Ergänzung. Chamaerops eher im Kübel. Zone 7a ist der Bereich wo aufmerksame Pflege den Unterschied macht zwischen einer dauerhaften Pflanze und einer die nach dem dritten Winter eingeht.
Zone 6 – die Grenzzone
−23 bis −18 °CRegionen: Erzgebirge, Teile Brandenburgs, Hochlagen der Mittelgebirge, Voralpenland.
Hier wird Palmenkultur zum Experiment. Bulgaria-Selektion aus dokumentierter Plovdiv-Abstammung mit konsequentem Schutz ist die realistische Option. Sabal minor mit unterirdischem Meristem ist interessant weil sie nach Blattfrost neu austreibt. Rhapidophyllum hystrix theoretisch winterhart genug aber in deutschen Sommern zu langsam wachsend.
In Zone 6 muss man bereit sein regelmäßig Verluste zu akzeptieren. Wer das weiß und trotzdem Palmen kultiviert tut das aus Überzeugung und Sammelleidenschaft – und das ist ein vollkommen valider Grund.
Was überall im Kübel geht
Mit Kübel und einem frostfreien Winterquartier erweitern sich die Möglichkeiten in jeder Zone erheblich. T. fortunei im Kübel bundesweit. Chamaerops humilis. Butia odorata. T. martianus. Brahea armata. Washingtonia filifera. Livistona australis. Trachycarpus takil.
Der Kübel ist die große Demokratisierung der Palmenkultur: was im Freiland nur in Zone 8 geht funktioniert im Kübel in Zone 6 – wenn man ein geeignetes Winterquartier hat. Das ist ein echter Mehrwert für Gärtner in kälteren Lagen die trotzdem die Vielfalt der Palmenwelt erkunden wollen.
Für die Freiland-Optionen in jeder Zone lohnt der Blick auf die vollständige Palmenarten-Übersicht und die Winterhärtezonen-Erklärung.
Dr. Klaus Brinkmann
Dr. Klaus Brinkmann studierte Botanik an der Universität Bonn und kultiviert seit 1991 winterharte Gehölze in der Rheinebene. Er beobachtet die Entwicklung der deutschen Palmenkultur seit ihren Anfängen und kennt die regionalen Besonderheiten aus eigener Anschauung.