Warum frieren Palmen überhaupt?

Palmen sind keine Wüstenpflanzen und die winterharten Arten sind aus Gebirgsregionen mit teils harten Wintern. Das erklärt warum sie Frost vertragen aber nicht unbegrenzt. Was Palmen tötet ist nicht der Frost allein sondern die Kombination aus mehreren Faktoren die selten einzeln auftreten.

Frost schädigt Pflanzenzellen wenn das Wasser in den Zellen gefriert und dabei Eiskristalle bildet die die Zellwände mechanisch zerstören. Pflanzen haben Mechanismen entwickelt um das zu verhindern: sie lagern im Herbst Zucker und andere osmotisch wirksame Substanzen in den Zellen ein die den Gefrierpunkt senken. Das ist der Grund warum Frosthärte nicht konstant ist sondern von der Konditionierung der Pflanze abhängt.

Eine Palme die einen warmen Oktober hatte und plötzlich in der ersten Novembernacht −15 °C erlebt ist schutzbedürftiger als dieselbe Pflanze nach einem kühlen September der sie langsam abgehärtet hat. Der Übergang zwischen Sommer und Winter ist für die Abhärtung entscheidend.

Nassekälte: das eigentliche Problem

Der wichtigste Begriff in der Palmenwinterkunde ist Nassekälte und er wird regelmäßig unterschätzt. Nassekälte bedeutet gleichzeitiges Auftreten von Feuchtigkeit und Frost. Für Pflanzen ist das aus mehreren Gründen gefährlicher als trockener Frost.

Erstens gefriert nasse Erde anders als trockene. Gefrierendes Wasser dehnt sich aus und kann Wurzeln mechanisch zerreißen. Trockene oder nur leicht feuchte Erde friert dagegen in einer Schicht und isoliert die darunter liegenden Wurzeln sogar etwas.

Zweitens ist das Herz der Palme, also die Wachstumsspitze ganz oben im Blattkranz, besonders empfindlich gegen nass-kalte Bedingungen. Wasser das sich dort sammelt kann selbst bei moderaten Minustemperaturen zu Fäulnis und Absterben führen. Eine Palme die bei −8 °C mit nassem Herz steht ist oft schlechter dran als dieselbe Palme bei −14 °C mit trockenem Herz unter einem Schutzdach.

Drittens erhöht Nässe die Wärmeleitfähigkeit des Bodens was bedeutet dass Frost tiefer eindringt. In einem trockenen sandigen Boden kommt der Frost vielleicht 20 cm tief. In einem nassen schweren Lehmboden kann er den Hauptwurzelbereich erreichen.

Faustregel: Trockener Frost ist für Palmen deutlich weniger gefährlich als feuchter Frost. Deshalb überwintern Pflanzen in Kontinentalklima (trocken, kalt) oft besser als in Atlantikklima (feucht, mild) obwohl die Temperaturen im Kontinentalklima tiefer fallen.

Was braucht Schutz und was nicht?

Nicht jede Palme braucht denselben Winterschutz und manche braucht bei richtiger Standortwahl gar keinen. Die Entscheidung hängt von drei Faktoren ab: der Art beziehungsweise Selektion, dem Alter und Einwurzelungsgrad der Pflanze und dem konkreten Standort mit seinem Mikroklima.

Trachycarpus fortunei etabliert: In Zone 7b und milder kommt eine gut eingewurzelte T. fortunei mit einem Stamm über 30 cm ohne jeglichen Schutz aus wenn der Standort gut gewählt ist. In Zone 7a ist ein einfacher Herzschutz empfehlenswert. In Zone 6 ist intensiverer Schutz nötig.

Jungpflanzen aller Arten brauchen in den ersten drei Jahren nach der Auspflanzung konsequenten Winterschutz weil das Wurzelsystem noch nicht tief genug verankert ist. Das gilt selbst für sehr frostharte Selektionen wie die Bulgaria.

Weniger frostharte Arten wie Chamaerops humilis, Butia odorata oder T. martianus brauchen in den meisten deutschen Lagen aktiven Schutz oder Überwinterung im Kübel an einem frostgeschützten Ort.

Das Herz schützen: Priorität Nummer eins

Wenn man nur eine einzige Schutzmaßnahme ergreifen kann dann sollte es der Schutz des Herzens sein. Das Herz ist die Wachstumsspitze ganz oben in der Mitte des Blattkranzes. Hier entstehen alle neuen Blätter. Wenn das Herz abstirbt ist die Palme tot, auch wenn alle anderen Blätter und der Stamm überleben.

Ein einfacher Herzschutz: eine Handvoll trockene Kokosfaser, Stroh oder Schafwolle locker über das Herz legen und mit einem leichten Vlies sichern. Die Schutzschicht muss atmungsaktiv sein damit kein Schimmel entsteht aber trotzdem Feuchtigkeit abweisen. Kokosfaser ist ideal weil sie Wasser aufnimmt ohne es direkt ans Herz weiterzuleiten und gleichzeitig thermisch isoliert.

Was man nicht tun sollte: das Herz luftdicht verschließen, die Blätter fest zusammenbinden (scheuert und bricht) oder Folie direkt auflegen ohne Belüftungsöffnung.

Den Boden schützen: oft unterschätzt

Der Wurzelballen braucht ebenfalls Schutz. Eine 15 bis 20 cm dicke Mulchschicht aus Rindenmulch, Kompost, Laub oder Stroh um den Stamm herum isoliert den Boden und verhindert tiefes Eindringen von Frost. Der Mulch sollte nicht direkt am Stamm anliegen sondern 10 bis 15 cm Abstand halten damit keine Feuchtigkeit am Stammansatz sammelt.

Bei Freilandpflanzen in schweren Böden ist das Mulchen besonders wichtig weil schwere Böden mehr Feuchtigkeit halten und tiefer durchfrieren. In gut drainierten Sandböden ist der Effekt geringer aber trotzdem positiv.

Wann schützen und wann wieder abnehmen?

Den Winterschutz rechtzeitig anbringen und rechtzeitig wieder abnehmen ist genauso wichtig wie der Schutz selbst. Zu frühes Anbringen im Herbst bei noch milden Temperaturen fördert Schimmel unter dem Vlies. Zu spätes Abnehmen im Frühling verhindert das Austreiben der neuen Blätter und erhöht die Schimmelgefahr bei wärmeren Temperaturen.

Richtige Zeitpunkte: Winterschutz anbringen wenn die Temperaturen dauerhaft unter 5 °C fallen, typischerweise Mitte bis Ende Oktober. Abnehmen wenn keine Nachtfröste mehr zu erwarten sind und die Pflanze sichtbar zu wachsen beginnt, meist April bis Anfang Mai.

Den Schutz bei einem milden Wintereinbruch nicht gleich komplett abnehmen sondern lüften. Gerade im März und April können noch Spätfröste auftreten die eine ungeschützte Pflanze empfindlich treffen.