Warum der Rekord schwer festzumachen ist
Eine offizielle Liste der größten Freilandpalmen Deutschlands existiert nicht. Es gibt keinen Rekordhalter der amtlich dokumentiert wäre wie bei bestimmten Baumarten die im Baumkataster erfasst werden. Wer nach der größten winterharten Palme Deutschlands sucht ist auf Berichte, persönliche Zeugnisse und gelegentliche Messungen in botanischen Fachpublikationen angewiesen.
Erschwerend kommt hinzu dass "größte Palme" nicht eindeutig definiert ist. Stammhöhe? Gesamthöhe mit Blattkranz? Stammdurchmesser? Alle drei Maße werden in der Literatur unterschiedlich verwendet. Und manche Berichte über angebliche Rekordpflanzen lassen sich nicht mehr verifizieren weil die Pflanze inzwischen nicht mehr existiert oder niemand mehr misst.
Bekannte Kandidaten
Gut dokumentiert sind einige alte Exemplare in milden deutschen Regionen. Im Botanischen Garten Bonn steht eine T. fortunei die auf über 100 Jahre Freilandstandort zurückblickt. Genaue Maße sind nicht öffentlich publiziert aber Augenzeugen berichten von Stammhöhen über 5 Meter. Das wäre für Deutschland außergewöhnlich.
Am Bodensee im Bereich Lindau und Konstanz sind mehrere alte Freilandexemplare bekannt die auf Privatgrundstücken und in Parkanlagen wachsen. Das milde Bodensee-Klima der Zone 8a ermöglicht ein schnelleres Wachstum als in anderen deutschen Regionen. Einzelne Pflanzen sollen hier Stammhöhen von 4 bis 6 Metern erreicht haben.
Das Rheinland zwischen Köln und Koblenz hat ebenfalls einige alte Exemplare. In einigen Kölner Villenvierteln und alten Parkanlagen stehen Palmen die auf Pflanzungen aus den frühen 1900er Jahren zurückgehen könnten. Das Stadtklima hat ihnen geholfen.
Botanische Gärten als Fundorte
Botanische Gärten sind die zuverlässigsten Orte um alte dokumentierte Palmen zu finden. In Deutschland gibt es mehrere mit Freilandpalmen:
- Botanischer Garten Bonn: Mehrere alte T. fortunei im Freiland, Pflanzungen aus dem frühen 20. Jahrhundert
- Palmengarten Frankfurt: Freilandexemplare im Außenbereich, dokumentierte Pflanzjahre
- Botanischer Garten München: T. fortunei im Freiland, kontinentaleres Klima als Bonn aber trotzdem beeindruckende alte Pflanzen
- Insel Mainau (Bodensee): Mehrere alte Palmen verschiedener Arten, Zone 8a begünstigt außergewöhnliches Wachstum
Diese Institutionen halten zuverlässige Aufzeichnungen über ihre Pflanzen und sind die erste Adresse wenn man dokumentierte Rekordpflanzen sucht. Ein Besuch lohnt sich auch wegen des direkten Vergleichs was verschiedene Standorte aus derselben Art machen.
Privatgärten: die unbekannten Riesen
Die tatsächlich größten Palmen Deutschlands stehen wahrscheinlich in Privatgärten von denen niemand außer den Besitzern weiß. In alten Villen- und Parkanlagen in milden Lagen die über Generationen dieselbe Familie besaßen wurden Palmen manchmal vor 80 oder 100 Jahren gepflanzt und sind seitdem ungestört gewachsen.
In der Palmencommunity kursieren Berichte über solche Pflanzen. Ein Mitglied eines deutschen Palmenvereins berichtete von einer T. fortunei in einem alten Anwesen im Rheinland die laut Familienüberlieferung kurz nach dem Ersten Weltkrieg gepflanzt wurde und heute eine Stammhöhe von über 6 Metern haben soll. Verifiziert ist das nicht, aber plausibel.
Was das Alter großer Palmen verrät
Eine T. fortunei mit 5 Meter Stammhöhe ist grob 80 bis 150 Jahre alt – je nach Standortqualität. Das bedeutet dass diese Pflanzen Weltkriege, Jahrhundertfröste und Jahrzehnte schlechter und guter Gärtner überlebt haben. Sie sind lebende Zeugen der deutschen Gartengeschichte und gleichzeitig der beste Beweis dass Palmen im deutschen Klima dauerhaft lebensfähig sind.
Der älteste nachweislich dokumentierte Freilandbestand von T. fortunei in Deutschland wurde um 1850 angelegt. Diese Pflanzen haben inzwischen über 170 Jahre im deutschen Klima überdauert und dabei Winter erlebt die deutlich kälter waren als die meisten heutigen.
Palmen als Klimazeugen
Alte Freilandpalmen sind interessante Klimazeugen. Sie zeigen nicht nur dass bestimmte Lagen warm genug für Palmen sind sondern auch dass das deutsche Klima über Jahrzehnte stabil genug war um diese Pflanzen am Leben zu erhalten. Und mit dem Klimawandel werden neue Standorte erschlossen die vor 50 Jahren noch zu kalt gewesen wären.
Die Karte der Freilandpalmen in Deutschland wird größer. Welche Pflanze in 50 Jahren die größte des Landes sein wird kennt heute noch niemand. Sie könnte gerade irgendwo in einem deutschen Garten als kleine Jungpflanze stecken.
Dr. Klaus Brinkmann
Dr. Klaus Brinkmann studierte Botanik an der Universität Bonn und kultiviert seit 1991 winterharte Gehölze in der Rheinebene. Mit über 60 Palmen verschiedener Arten im eigenen Garten kennt er die Entwicklung einzelner Pflanzen über Jahrzehnte.