Der Anfang: eine Jungpflanze 2014
Im März 2014 pflanzte ich meine erste T. fortunei in meinen Bonner Garten. Eine Jungpflanze mit 22 cm Stammhöhe die ich von einer kleinen deutschen Baumschule bezogen hatte mit Herkunftsangabe aus nordchinesischem Saatgut. Preis damals: 65 Euro. Was mir der Verkäufer sagte: Geduld. Die ersten zwei Jahre sieht man kaum was.
Er hatte Recht. 2014 und 2015 passierte optisch wenig. Die Pflanze trieb drei bis vier neue Blätter pro Jahr aus, der Stamm wuchs kaum sichtbar in die Höhe. Ich fragte mich ob ich den falschen Standort gewählt hatte. Ich hatte nicht.
Was ich nicht wusste: T. fortunei muss in den ersten Jahren zuerst Stammumfang aufbauen bevor sie in die Höhe geht. Erst wenn der Stamm ausreichend dick ist beginnt das schnellere Höhenwachstum. Das ist keine Krankheit sondern normales Entwicklungsprogramm der Art.
Wachstum Jahr für Jahr
Ab 2016 begann das sichtbare Wachstum. Plötzlich kamen vier bis fünf neue Blätter pro Jahr und der Stamm legte 15 bis 20 cm pro Jahr zu. Bis 2020 hatte die Pflanze 65 cm Stamm erreicht und war optisch eine echte Schaupalme geworden. Das war der Wendepunkt wo Besucher im Garten anfingen zu fragen "ist das eine echte Palme?"
In den zehn Jahren überstand sie fünf normale Winter ohne Schutz (nach dem dritten Jahr ließ ich den Schutz weg) und zwei schwierige Winter mit mehr als einer Woche Dauerfrost. Beim Winter 2020/21 bekam sie beim schlimmsten Frost einige braune Blattspitzen. Das war alles.
Heute 2025 steht sie bei 110 cm Stammhöhe. Das Wachstum hat sich stabilisiert auf etwa 20 bis 25 cm pro Jahr was dem oberen Ende des Normalbereichs für gut kultivierte T. fortunei in Deutschland entspricht.
Die erste Blüte
2021 überraschte sie mich mit dem ersten Blütenansatz. T. fortunei blüht erst wenn sie reif genug ist was normalerweise mehrere Jahrzehnte dauern kann aber von Standort und Kultivierung stark abhängt. Nach sieben Jahren war sie offenbar bereit.
Die Blüte einer T. fortunei ist nicht für jeden sofort offensichtlich spektakulär: lange gelbliche Blütenrispen entstehen zwischen den Blättern. Aber für jeden der weiß was er schaut ist es ein kleines Wunder. Und die Bestäubung durch Insekten und die anschließende Fruchtbildung mit kleinen blauen Beeren ist faszinierend.
Seitdem blüht sie jedes Jahr. Die Früchte reifen nicht immer vollständig aus weil die Sommer nicht immer warm genug sind, aber gelegentlich gelingt es und ich ernte keimfähige Samen von einer Pflanze mit dokumentierter Herkunft.
Was ich heute anders mache als am Anfang
Ich mache heute vieles anders als 2014:
- Nicht mehr mit Winterschutz übertreiben. Die Pflanze braucht nach dem dritten Jahr in meiner Zone 7b keinen Schutz mehr. Der einfache Herzschutz bleibt aber drin als Versicherung.
- Kalidüngung im September. Das hat ich anfangs nicht gemacht. Seit ich das konsequent mache sieht die Pflanze im Frühling besser aus.
- Mulch ganzjährig auf 15 cm halten. Ich hatte früher nur im Winter Mulch. Ganzjähriger Mulch verbessert den Boden dauerhaft.
- Frühes Schneiden vermeiden. Ich ließ anfangs tote Blätter sofort entfernen. Heute lasse ich alles bis es komplett braun und trocken ist.
Was nach 10 Jahren wirklich wichtig ist
Rückblickend war die wichtigste Entscheidung die Herkunft der Pflanze. Ich habe 65 Euro statt 25 Euro für eine gut dokumentierte nordchinesische Linie bezahlt. Diese Pflanze hat die schwierigeren Winter besser überstanden als manche günstiger Massenware die ich bei anderen sah.
Die zweite wichtige Entscheidung war der Standort: Ostseite des Hauses mit Backsteinwand, geschützt vor Westwind durch eine Hecke, gut drainierter Boden. Diese Entscheidung war nicht reversibel. Sie hat gut funktioniert.
Und die dritte: Geduld. Wer eine Palme pflanzt investiert in Jahrzehnte nicht in Sommersaisons. Eine 10-jährige T. fortunei ist eine außergewöhnliche Pflanze. Eine 30-jährige wird die Umgebung dominieren. Wer das begreift macht von Anfang an die richtigen Entscheidungen.
Tipps zum richtigen Start mit einer Jungpflanze gibt der Freilandpflanzungs-Ratgeber. Für die Langzeitpflege der Jahrespflegeplan.
Oliver Misch
Oliver Misch züchtet seit 2010 winterharte Palmen auf einem Freilandfeld in der Nähe von Bonn. Was als Hobby begann ist heute eine umfangreiche Sammlung mit über 40 Arten und Selektionen. Er betreibt winterhartepalmen.de und teilt seine praktischen Erfahrungen aus dem Anbau.