Biologie & Vermehrung

Palme männlich oder weiblich – Geschlecht, Blüte und Befruchtung bei Trachycarpus

von Dr. Klaus Brinkmann| 5. November 2025| Lesezeit ca. 18 Minuten

Warum trägt die eine Palme Früchte und die andere nie? Warum blüht sie jedes Jahr und trotzdem entsteht nichts? Die Antwort liegt in einer biologischen Grundeigenschaft der Gattung Trachycarpus – und wer sie versteht öffnet die Tür zur eigenen Palmen-Vermehrung.

Trachycarpus ist diözisch – was das bedeutet

Eine der häufigsten Fragen die Palmengärtner stellen: "Meine Palme blüht seit Jahren – aber keine Früchte. Was stimmt nicht?" Meistens stimmt gar nichts nicht. Die Palme macht genau was sie soll. Das Problem ist die Nachbarschaft.

Trachycarpus fortunei und fast alle anderen Trachycarpus-Arten sind diözisch – ein botanischer Begriff für "zweihäusig". Das bedeutet: männliche und weibliche Blüten sitzen nicht auf derselben Pflanze sondern auf getrennten Individuen. Eine Palme ist entweder männlich oder weiblich – und zwar für ihr gesamtes Leben. Es gibt keine Möglichkeit das zu ändern.

Das Gegenteil wäre monözisch: eine Pflanze die gleichzeitig männliche und weibliche Blüten trägt und sich theoretisch selbst bestäuben kann. Viele Nutzpflanzen sind so gebaut. Trachycarpus nicht.

Die biologische Logik dahinter ist Fremdbestäubung: wenn jedes Individuum nur ein Geschlecht hat muss zwangsläufig Pollen von einer anderen Pflanze kommen. Das fördert genetische Vielfalt, was evolutionär vorteilhaft ist. Für den Gärtner der Früchte oder keimfähige Samen möchte bedeutet es: ohne eine männliche und eine weibliche Pflanze in erreichbarer Pollenentfernung passiert gar nichts.

Die Konsequenz ist klar: wer aus seiner Palme Samen ziehen möchte braucht erstens eine weibliche Pflanze, zweitens eine männliche Pflanze, drittens müssen beide ungefähr gleichzeitig blühen, und viertens muss der Pollen von der männlichen zur weiblichen gelangen. Fehlt eine dieser Bedingungen gibt es keine keimfähigen Samen. Die Palme blüht trotzdem – denn Blühen kostet sie wenig und ist unabhängig von erfolgreicher Bestäubung.

Woran erkennt man das Geschlecht einer Trachycarpus-Palme?

Das ist die praktischste Frage und hat eine ehrliche Antwort: sicher nur an den Blüten. Vor der Blüte gibt es keine zuverlässigen äußerlichen Merkmale die das Geschlecht verraten. Stamm, Blattgröße, Wuchshöhe und Blattfarbe unterscheiden sich statistisch kaum zwischen männlichen und weiblichen Pflanzen. Wer behauptet das Geschlecht einer blütenlosen Jungpalme erkennen zu können ist entweder sehr erfahren mit einer spezifischen Herkunft – oder redet ins Blaue.

Der männliche Blütenstand

Der männliche Blütenstand schiebt sich im Frühjahr – meist April bis Mai, je nach Standort und Witterung auch schon März – aus dem Herzbereich der Palme. Er ist groß, verzweigt, und trägt hunderte bis tausende kleine Einzelblüten. Die Farbe ist intensiv gelb bis goldgelb, der Geruch süßlich-blumig bis leicht honigähnlich. An warmen Tagen ist der Duft wirklich auffällig und zieht Bienen, Hummeln und andere Bestäuber an.

Die männlichen Einzelblüten sind klein – kaum 5 mm – und haben sechs Staubblätter die bei Reife gelben Pollen in großen Mengen freisetzen. Ein männlicher Blütenstand produziert so viel Pollen dass er an windigen Tagen wie eine gelbe Wolke aussieht. Dieser Pollenüberschuss ist evolutionär sinnvoll: Wind und Insekten sollen Pollen möglichst weit tragen.

Der weibliche Blütenstand

Der weibliche Blütenstand erscheint zur ähnlichen Zeit und sieht auf den ersten Blick ähnlich aus – verzweigt, gelblich-grünlich. Bei genauem Hinsehen oder mit einer Lupe zeigt sich aber der Unterschied: Die weiblichen Einzelblüten sind anders strukturiert. Statt Staubblättern haben sie ein dreiteiliges Pistill – den Fruchtknoten mit drei Fruchtblättern die den zukünftigen Samen umschließen werden.

Die weibliche Blüte ist etwas kompakter als die männliche, weniger auffällig gelb, und produziert keinen sichtbaren Pollen. Was sie produziert ist Nektar und einen Duft der Bestäuber anzieht. An einer weiblichen Blüte die kurz zuvor bestäubt wurde können winzige grüne Fruchtansätze schon nach wenigen Tagen sichtbar werden – noch keine Beere, aber ein Verdickung die zeigt dass Befruchtung stattgefunden hat.

Einfache Erkennungsregel: Gelber Pollen auf den Fingern wenn man die Blüte berührt → männliche Pflanze. Kein Pollen, aber winzige grüne Knötchen nach der Blütezeit → weibliche Pflanze.

Was vor der Blüte gilt

Vor der ersten Blüte gibt es keine verlässliche Methode das Geschlecht zu bestimmen. Erste Blüten erscheinen meist wenn die Pflanze einen Stamm von 30 bis 50 cm entwickelt hat – das dauert je nach Standort 8 bis 15 Jahre. In dieser Zeit weiß man schlicht nicht was die Palme ist. Das ist eine der großen Unsicherheiten der Palmenanzucht und Grund dafür dass viele Gärtner mehrere Pflanzen gleichzeitig kultivieren.

Es gibt Beobachtungen aus der Sammlergemeinschaft dass bestimmte vegetative Merkmale leicht häufiger bei einem Geschlecht auftreten – etwas breitere Blattstiele, etwas kompakterer Wuchs. Aber diese Merkmale sind so variabel dass sie keine verlässliche Diagnose erlauben. Glaube niemandem der dir vor der ersten Blüte das Geschlecht einer Jungpalme garantiert.

Blütezeit und Ablauf im Jahreskalender

März – April

Austritt der Infloreszenz aus dem Herzbereich. Noch eingewickelt in schützende Brakteen. An warmen Standorten in Zone 8 schon im März, in Zone 7a oft erst April bis Anfang Mai.

April – Juni

Vollblüte. Pollen wird freigesetzt (männlich) oder Bestäubung findet statt (weiblich). Optimales Fenster für gezielte Handbestäubung. Dauer: 2–6 Wochen je nach Temperatur.

Juni – September

Fruchtentwicklung bei weiblichen Pflanzen. Aus bestäubten Blüten entwickeln sich kleine grüne Beeren die langsam wachsen und sich verfärben.

Oktober – November

Früchte wechseln von grün über blaugrün zu dunkelblau. Erste reife Samen erntbar. Optimale Erntezeit Mitte Oktober bis Mitte November.

November – Januar

Vollreife. Dunkelblau bis fast schwarz, leicht weich. Beste Keimraten. Samen jetzt ernten, direkt weiterverarbeiten oder korrekt lagern.

Januar – März

Samen können noch hängen bleiben. Qualität nimmt ab. Spätestens jetzt ernten bevor Vögel sie fressen oder die Keimrate durch Frost leidet.

Die Blütezeit ist stark temperaturabhängig. An einer warmen Südwand in Köln blüht eine T. fortunei typischerweise 2 bis 4 Wochen früher als dieselbe Art an einem schattigen Nordexposition im Bergischen Land. Das ist wichtig wenn man gezielte Bestäubung plant: männliche und weibliche Pflanze müssen ihre Blütezeiten überlappen.

Ein häufiges Problem: die männliche Pflanze blüht fertig bevor die weibliche überhaupt anfängt – oder umgekehrt. Das passiert besonders wenn die Pflanzen an sehr unterschiedlichen Mikrostandorten stehen. Für erfolgreiche Vermehrung ist deshalb entweder ein synchroner Standort wichtig, oder man friert frischen Pollen ein (mehr dazu weiter unten).

Wie die Bestäubung abläuft

In der Natur werden Trachycarpus-Palmen sowohl durch Wind als auch durch Insekten bestäubt. Wind ist der dominante Vektor: die enormen Pollenmengen männlicher Blütenstände sind typisch für windbestäubte Arten. Der Pollen ist leicht, trocken und haftet gut an rauen Oberflächen. An einem windigen Tag kann Pollen einer T. fortunei mehrere hundert Meter weit getragen werden.

Gleichzeitig sind die Blüten duftend und nektarhaltig – ein klares Insektensignal. Bienen, Hummeln und zahlreiche Schwebfliegenarten besuchen Palmenblüten intensiv. Für den Insektenbesuch genügt schon ein Abstand von 5 bis 20 Metern zwischen männlicher und weiblicher Pflanze. Für Windbestäubung kann der Abstand größer sein, aber je mehr Wind und je weiter die Pflanzen, desto geringer die Pollenkonzentration an der weiblichen Blüte.

Handbestäubung – der zuverlässigere Weg

Wer sicher gehen will dass Bestäubung stattfindet kann die Sache selbst in die Hand nehmen. Handbestäubung ist einfach und sehr effektiv. Die Methode:

  • Einen kleinen Pinsel oder Wattestäbchen in den männlichen Blütenstand tauchen bis er gelb bestäubt ist
  • Direkt damit die weiblichen Blüten bestreichen – kreuz und quer durch den weiblichen Blütenstand fahren
  • Das mehrere Tage hintereinander wiederholen während beide Blütenstände aktiv sind
  • Alternativ: einen kleinen Zweig mit männlichen Blüten abschneiden und ihn leicht schüttelnd über den weiblichen Blütenstand halten

Handbestäubung erhöht die Fruchtansatzrate deutlich gegenüber reiner Windbestäubung, besonders wenn die Pflanzen nicht direkt nebeneinander stehen oder wenn die Blütezeiten nur knapp überlappen.

Pollen einfrieren – die Zeitversatz-Lösung

Was tun wenn die männliche Pflanze früher blüht als die weibliche? Pollen lässt sich einfrieren. Einen Zweig mit reifen männlichen Blüten abschneiden wenn die Staubbeutel Pollen abgeben, das abfallende Pollenpulver auf Papier sammeln, in ein kleines verschlossenes Gefäß füllen und im Gefrierfach bei −18 °C lagern. Haltbarkeit: mehrere Wochen bis wenige Monate. Wenn die weibliche Pflanze blüht den Pollen auftauen lassen und wie bei der Handbestäubung auftragen.

Das funktioniert gut und ermöglicht Bestäubungen über Zeitversätze von 2 bis 6 Wochen. Für längere Lagerung nimmt die Keimfähigkeit des Pollens deutlich ab.

Woran man erkennt dass die Befruchtung geklappt hat

Nach erfolgreicher Bestäubung passiert zunächst wenig Sichtbares. In den ersten 2 bis 4 Wochen nach der Blüte sind die befruchteten Blüten kaum von unbefruchteten zu unterscheiden. Dann beginnt der Unterschied sichtbar zu werden:

Unbefruchtete Blüten vertrocknen und fallen ab – der Blütenstand wird kleiner und die Pflanze zieht die Ressourcen aus den tauben Ansätzen zurück. Befruchtete Blüten dagegen entwickeln sich zu kleinen grünen Verdickungen die langsam wachsen. Nach etwa 4 bis 6 Wochen sind die Fruchtansätze als kleine grüne Beeren von 3 bis 5 mm Durchmesser deutlich sichtbar.

Sicheres Erkennungszeichen erfolgreicher Befruchtung: Grüne, wachsende Beeren am Blütenstand Mitte bis Ende Mai (je nach Region). Eine weibliche Pflanze ohne grüne Fruchtansätze zu diesem Zeitpunkt wurde nicht oder nicht ausreichend bestäubt.

Ab diesem Punkt ist die Fruchtentwicklung meist unkompliziert. Die Palme versorgt die wachsenden Früchte selbständig. Kein besonderes Zutun des Gärtners ist nötig. Was hilft: gute Wasserversorgung und ausgewogene Düngung – denn die Fruchtreifung kostet die Pflanze Energie.

Die Fruchtentwicklung von Juni bis Winter

Trachycarpus-Früchte sind botanisch gesehen einsamige Beeren. In der Praxis sind es kleine, olivenähnliche Früchte mit einer dünnen Fruchthülle und einem harten Samen innen. Sie wachsen in lockeren Trauben am Blütenstandsstiel und können an einem einzigen Blütenstand hunderte bis über tausend Früchte bilden – abhängig von der Intensität der Bestäubung und der Vitalität der Pflanze.

Im Sommer wachsen die Früchte langsam: von 5 mm im Mai auf 8 bis 12 mm Ø bis August. Die Farbe bleibt zunächst grün. Im Spätsommer beginnt die Reifung und damit die Farbveränderung, die entscheidend ist für den richtigen Erntezeitpunkt:

  • Grün (Juni–September): Unreif. Samen noch nicht vollständig entwickelt, Keimrate gering.
  • Grün-blau (September–Oktober): Beginnende Reife. Samen anatomisch weitgehend fertig, Keimrate steigt.
  • Dunkelblau bis blauschwarz (Oktober–Dezember): Vollreife. Optimale Keimrate. Optimaler Erntezeitpunkt.
  • Schwarz, schrumpelnd (Januar+): Überreif. Keimrate nimmt wieder ab, Frucht zerfällt oder wird von Vögeln gefressen.

Die Verfärbung der gesamten Traube ist selten gleichmäßig – einzelne Früchte reifen früher als andere. Das ist normal. Sobald der überwiegende Teil der Früchte dunkelblau ist, ist der richtige Erntezeitpunkt.

Samenernte: Wann, wie und was dann

Der optimale Erntezeitpunkt ist November bis Mitte Januar – wenn die Früchte vollständig dunkelblau bis schwärzlich und leicht nachgebend sind. In warmen Lagen (Zone 8) teils schon Oktober, in kälteren Lagen (Zone 7a) manchmal erst Dezember.

Die Ernte selbst

Ganze Fruchttrauben mit einer Schere abschneiden. Nicht an den einzelnen Früchten reißen – das beschädigt die Samenschale. Die Trauben in einen Eimer legen und mit lauwarmem Wasser einweichen. Nach 24 bis 48 Stunden lässt sich das Fruchtfleisch leicht zwischen den Fingern abreiben. Das Fruchtfleisch enthält Gerbstoffe die die Keimung hemmen – deshalb ist gründliches Entfernen wichtig, nicht optional.

Nach dem Einweichen: Samen mit Wasser abspülen bis das Wasser klar bleibt. Dann auf einem Tuch kurz trocknen – aber nie vollständig austrocknen lassen. Trachycarpus-Samen sind sogenannte rekalzitrants: sie verlieren ihre Keimfähigkeit wenn sie zu stark austrocknen. Anders als orthodoxe Samen (Getreide, viele Gemüsesamen) dürfen sie nicht für die Langzeitlagerung getrocknet werden.

Samenqualität prüfen

Vor der Aussaat oder Lagerung Schwimmtest machen: Samen in Wasser geben. Schwimmende Samen sind oft taub oder schlecht entwickelt. Sinkende Samen haben ein vollständig ausgebildetes Endosperm und hohe Keimrate. Das ist keine 100%-Regel aber eine gute Vorauswahl.

Wie lange Samen bleiben können

Trachycarpus-Samen haben keine langen Lagerungsmöglichkeiten. Als rekalzitrante Samen überleben sie keine klassische Trockenlagerung. Folgende Optionen:

Direkte Aussaat: Die beste Option. Frisch geerntete, saubere Samen sofort in das Keimsubstrat geben. Keimraten von 70 bis 90 % sind mit frischem Material realistisch. Je frischer, desto besser.

Kurzzeitlagerung (bis 3 Monate): Samen in leicht feuchtes Kokossand einwickeln, in einen Zip-Beutel legen und bei 10 bis 15 °C im Kühlschrank lagern. Feuchtigkeit regelmäßig kontrollieren – weder austrocknen noch schimmeln lassen. Keimrate bleibt gut erhalten.

Mittelfristige Lagerung (3–6 Monate): Wie oben, aber Keimrate nimmt spürbar ab. Nach 6 Monaten Lagerung sind 30 bis 50 % Keimrate realistisch statt der 70 bis 90 % bei frischen Samen.

Über ein Jahr: Nicht empfehlenswert. Die meisten Samen verlieren ihre Keimfähigkeit. Einzelne Samen keimen noch, aber verlässliche Ergebnisse sind nicht zu erwarten. Wer ein Jahr alte Samen hat sollte sie dennoch ausprobieren – ein Versuch schadet nichts.

Häufiger Fehler: Samen vollständig trocknen und bei Zimmertemperatur lagern wie Gemüsesamen. Das tötet die Keimfähigkeit von Trachycarpus-Samen innerhalb weniger Wochen zuverlässig. Immer leicht feucht und kühl lagern.

Die Keimung – was man wissen muss

Trachycarpus-Samen keimen vergleichsweise langsam und ungleichmäßig. Das gehört zur Biologie dieser Art und ist kein Zeichen dass etwas falsch läuft. Erste Keimlinge erscheinen nach 4 bis 8 Wochen bei optimalen Bedingungen. Aber es ist absolut normal dass einzelne Samen aus derselben Partie noch nach 4 oder 5 Monaten keimen. Geduld ist Pflicht.

Keimbedingungen: Bodenwärme von 25 bis 28 °C, gleichmäßige Feuchtigkeit, gutes Substrat aus Anzuchterde gemischt mit Kokosfaser oder Perlite für gute Drainage. Eine Heizmatte beschleunigt die Keimung deutlich. Kältere Temperaturen (unter 20 °C) verlangsamen die Keimung erheblich.

Der erste Keimling sieht aus wie ein einzelnes grasartiges Blatt – das Kotyledon-Stadium. Erst das zweite oder dritte Blatt hat die charakteristische Palmform mit gespaltener Spitze. Jungpflanzen sind im ersten Jahr sehr langsam und empfindlich gegenüber Austrocknung.

Die Theorie mit dem Blütenabschneiden

Unter Palmengärtnern kursiert die Idee man solle Blütenstände abschneiden damit die Pflanze die Energie stattdessen ins Wachstum steckt. Die Überlegung ist nicht grundsätzlich falsch: Blüten und Fruchtreifung kosten eine Palme tatsächlich Energie. Und in Jahren mit intensiver Fruchtbildung kann das Wachstum eines weiblichen Exemplars messbaren Einfluss haben.

Trotzdem halten wir von dieser Praxis wenig – und zwar aus mehreren Gründen.

Erstens ist der Energieaufwand für männliche Blütenstände – die ja keinen Fruchtsatz produzieren – gering. Wer männliche Blütenstände abschneidet spart kaum Energie und beraubt sich gleichzeitig eines potenziellen Pollenspenders für andere Pflanzen.

Zweitens ist bei weiblichen Pflanzen die Fruchtbildung nur dann energetisch relevant wenn tatsächlich viele hundert Früchte ausreifen. An einem gut gepflegten, kräftigen Exemplar mit reichlich Blattwerk verkraftet die Pflanze das problemlos ohne im Wachstum nennenswert gebremst zu werden.

Drittens und vor allem: eine blühende Palme ist ein biologisches Ereignis das sich nach 8 bis 15 Jahren Wartezeit einstellt. Es wäre schade das ohne guten Grund zu unterdrücken – sowohl für die eigene Freude als auch weil es Bienen und andere Bestäuber wichtige Ressourcen liefert.

Wer eine sehr junge Pflanze hat die gerade zum ersten Mal blüht und wo man Bedenken hat dass die Fruchtentwicklung dem Wachstum schadet, kann bei weiblichen Erstblüten einen Teil der Fruchtansätze entfernen. Aber pauschales Abschneiden aller Blüten bei etablierten gesunden Pflanzen ist nach unserem Verständnis nicht nötig und nicht empfehlenswert.

Mann und Frau – was brauche ich wirklich?

Die Frage "Brauche ich zwei Palmen?" ist eine der häufigsten in Beratungsgesprächen. Die ehrliche Antwort: für die optische Wirkung einer Palme im Garten brauchen Sie keine zweite Pflanze. Eine einzelne Palme, egal ob männlich oder weiblich, ist über Jahrzehnte ein schöner Gartenmittelpunkt. Ob sie Früchte trägt oder nicht ändert nichts daran.

Für Früchte und keimfähige Samen ist eine zweite Pflanze des anderen Geschlechts nötig. Das muss kein direkter Nachbar sein. Pollen fliegt weit – wenn in einem Radius von 200 bis 500 Metern eine männliche Palme steht (Nachbargarten, Parkanlage, Botanischer Garten), kann Wind oder Insekten Pollen transportieren. In deutschen Städten mit zunehmend vielen Gartenpflanzen ist das durchaus realistisch. Wer seine Gärtnernachbarn kennt sollte nachfragen.

Wer gezielt vermehren will und sicher gehen möchte, pflanzt bewusst eine männliche und eine weibliche Pflanze. Wer nur Samen zur Anzucht eigener Jungpflanzen möchte kann auch Samen kaufen – frische Samen aus dokumentierten Herkunften sind im Spezialhandel erhältlich, wie auch direkt in unserem Shop.

Gilt das auch für andere Arten?

Für alle Trachycarpus-Arten gilt dasselbe Prinzip der Diözie. T. wagnerianus, T. princeps, T. nanus, T. takil – alle getrenntgeschlechtig, alle auf dieselbe Weise auf Fremdbefruchtung angewiesen.

Chamaerops humilis ist ebenfalls diözisch – auch hier braucht man für Früchte männliche und weibliche Pflanzen. Sabal minor ist hermaphroditisch – die Blüten haben sowohl männliche als auch weibliche Organe und können sich selbst bestäuben. Jubaea chilensis und Butia odorata sind ebenfalls hermaphroditisch.

Wer seine spezifische Art kultiviert und wissen möchte ob Bestäubungspartner nötig sind, findet die Information im jeweiligen Artporträt in unserer Palmenarten-Übersicht.

Das Wichtigste im Überblick

  • Trachycarpus fortunei ist diözisch – jede Pflanze ist entweder männlich oder weiblich
  • Das Geschlecht ist erst an den Blüten sicher erkennbar – männlich: gelber Pollen; weiblich: kein Pollen, später grüne Fruchtansätze
  • Blütezeit April bis Juni, Fruchtreifung bis Winter
  • Erfolgreiche Befruchtung zeigt sich als wachsende grüne Beeren am Blütenstand
  • Samen ernten wenn dunkelblau bis schwärzlich reif – November bis Januar
  • Fruchtfleisch vollständig entfernen, Samen nie vollständig trocknen lassen
  • Direkte Aussaat oder Lagerung kühl und leicht feucht bis maximal 6 Monate
  • Pollen kann eingefroren werden um Zeitversätze zwischen männlicher und weiblicher Blüte auszugleichen
  • Blütenabschneiden: bei gesunden etablierten Pflanzen nicht nötig
  • Für Früchte braucht man mindestens ein Exemplar jedes Geschlechts
KB

Dr. Klaus Brinkmann

Botaniker & Palmenkultivateur – 34 Jahre Erfahrung

Dr. Klaus Brinkmann studierte Botanik an der Universität Bonn und kultiviert seit 1991 winterharte Gehölze im Rheinland. Mit über 60 Palmen verschiedener Arten im eigenen Garten hat er den gesamten Zyklus von Blüte über Bestäubung bis Samenanzucht viele Male durchlaufen und beobachtet.

FAQ – Palmengeschlecht und Vermehrung

Woran erkenne ich ob meine Palme männlich oder weiblich ist?
Sicher nur an den Blüten: männliche Blüten produzieren intensiv gelben Pollen der auf den Fingern bleibt wenn man die Blüten berührt. Weibliche Blüten haben keinen Pollen aber entwickeln nach erfolgreicher Bestäubung kleine grüne Fruchtansätze. Vor der ersten Blüte ist das Geschlecht nicht zuverlässig erkennbar.
Meine Palme blüht jedes Jahr aber nie Früchte – warum?
Entweder ist Ihre Pflanze männlich – dann produziert sie grundsätzlich keine Früchte. Oder sie ist weiblich aber es gibt keine männliche Palme in Pollenreichweite zur selben Blütezeit. Überprüfen Sie ob die Blüten Pollen abgeben (männlich) oder ob nach der Blüte grüne Ansätze entstehen (weiblich, aber unbestäubt).
Brauche ich zwei Palmen?
Für Früchte und keimfähige Samen ja – eine männliche und eine weibliche. Für eine schöne Gartenpalme nein: auch eine einzelne Pflanze ist über Jahrzehnte attraktiv. Manchmal reicht auch eine männliche Palme im Nachbargarten – Pollen fliegt weit.
Wann sind die Samen reif und wie ernte ich sie?
Wenn die Früchte von grün über blaugrün zu dunkelblau bis schwärzlich gewechselt sind und leicht nachgeben – meist November bis Januar. Ganze Trauben abschneiden, 24–48 Stunden in Wasser einweichen, Fruchtfleisch abreiben, gründlich spülen. Nie vollständig trocknen lassen.
Wie lange sind Palmensamen keimfähig?
Frische Samen direkt nach der Ernte haben die beste Keimrate (70–90%). Kühl und leicht feucht gelagert bleiben sie 3 bis 6 Monate gut. Über ein Jahr alte Samen keimen deutlich schlechter. Palmensamen nie trocken und warm lagern – das tötet die Keimfähigkeit schnell.
Kann ich die Blüten abschneiden damit die Palme schneller wächst?
Bei männlichen Pflanzen ergibt das wenig Sinn da die Blüten kaum Energie kosten. Bei weiblichen Pflanzen mit intensiver Fruchtbildung ist ein kleiner Wachstumseffekt theoretisch möglich, aber bei gesunden etablierten Pflanzen nicht nennenswert. Wir empfehlen das grundsätzliche Abschneiden nicht – eine blühende Palme ist ein Ereignis das man erleben sollte.
Kann ich Pollen einfrieren wenn die Blütezeiten nicht überlappen?
Ja. Pollen auf Papier auffangen, in ein kleines verschlossenes Gefäß füllen und bei −18 °C einfrieren. Haltbarkeit einige Wochen bis wenige Monate. Vor der Verwendung auftauen lassen und mit Pinsel oder Wattestäbchen auftragen wenn die weibliche Pflanze blüht.