Was eine gute Anfänger-Palme ausmacht
In meiner Beratungstätigkeit erlebe ich regelmäßig was passiert wenn Anfänger zur falschen Pflanze greifen. Ein begeisterter Gärtner kauft eine schön aussehende Jubaea chilensis, pflanzt sie in Zone 7a und wundert sich warum sie nach dem zweiten Winter eingegangen ist. Oder jemand investiert in eine T. princeps ohne zu wissen dass sie ganz andere Bodenanforderungen hat als die robusten Arten.
Eine gute Anfänger-Palme erfüllt vier Kriterien. Erstens ist sie tatsächlich winterhart in der jeweiligen Zone ohne intensiven Pflegeaufwand. Zweitens verträgt sie normale Gartenbedingungen ohne extreme Spezialanforderungen an Boden oder Mikroklima. Drittens ist sie im Handel gut verfügbar damit man beim Kauf Qualität vergleichen und notfalls ersetzen kann. Viertens wächst sie sichtbar damit der Anfänger früh Erfolgserlebnisse hat.
Oliver Misch von winterhartepalmen.de pflegt in seinem Garten eine Sammlung verschiedener Arten und hat die Erfahrung gemacht dass Einsteiger mit T. fortunei fast immer Erfolg haben wenn der Standort stimmt. Das ist die Grundaussage die dieser Artikel ausbaut.
1. Trachycarpus fortunei – der Klassiker aus gutem Grund
Es gibt einen Grund warum T. fortunei die meistkultivierte Freilandpalme nördlich der Alpen ist: sie funktioniert. Seit fast zwei Jahrhunderten wächst sie in europäischen Gärten und hat sich in zahllosen Wintern bewährt. Für den Anfänger ist das die eindeutige erste Wahl.
Frosthärte bis −18 °C bei guten Bedingungen, nassekältentolerant, anspruchslos was den Boden betrifft (solange keine Staunässe), wächst in Sonne und Halbschatten und entwickelt mit zunehmendem Alter einen beeindruckenden faserigen Stamm. Was will man mehr?
Der einzige Haken: im Handel ist viel mindere Qualität. Massenware aus norditalienischen Baumschulen die für mediterrane Verhältnisse produziert wird ist weniger frosthart als Pflanzen aus kälteren Herkünften. Wer beim Kauf auf Herkunftsangaben besteht und wenn möglich regional aufgezogene Ware kauft macht nichts falsch.
Geeignet für: alle deutschen Klimazonen ab Zone 6b. Einsteiger ohne Vorkenntnisse. Freiland und Kübel. Detailliertes Artporträt auf der T. fortunei Seite.
Kauftipp: Pflanze mit mindestens 20 cm Stamm wählen. Jungpflanzen ohne Stamm wachsen langsam und brauchen intensiveren Winterschutz in den ersten Jahren. Der Mehrpreis für einen etwas größeren Stamm lohnt sich fast immer.
2. Trachycarpus wagnerianus – kompakt und windresistent
Wer einen windigen Standort hat, eine Terrasse mit oft boigem Wind oder einen Garten ohne natürlichen Windschutz sollte den Wagnerianus gegenüber der Fortunei bevorzugen. Die kleineren, steiferen Blätter dieser japanischen Kultivarselektion widerstehen Wind deutlich besser als die größeren Blätter der Fortunei.
In der Frosthärte mit −17 °C kaum hinter der Fortunei, etwas kompakter im Wuchs (max. 6 bis 8 Meter), ideal für Terrassen und kleinere Gärten. Selten im Handel aber bei spezialisierten Anbietern gut verfügbar.
Der Wagnerianus ist optisch etwas formeller und ordentlicher als die Fortunei, was manchen Gärtner mehr anspricht. Er wirkt weniger üppig-tropisch sondern eher dekorativ-kompakt. Für Terrassen wo die Pflanze von allen Seiten sichtbar ist kann das ein Vorteil sein.
Geeignet für: windige Standorte, Terrassen, kleinere Gärten, Kübel. Alle Klimazonen ab Zone 7a.
3. Chamaerops humilis – die europäische Lösung
Chamaerops humilis ist die einzige Palme die ursprünglich in Europa heimisch ist, mit natürlichen Vorkommen an Küsten des westlichen Mittelmeers. Das macht sie zu einer interessanten Option für Gärtner die eine "authentisch europäische" Pflanze bevorzugen oder für Standorte die trockener und mediterraner ausgerichtet sind.
Mit −12 °C weniger winterhart als T. fortunei eignet sie sich in Zone 7b für geschützte Lagen oder mit Winterschutz. In Zone 8 (Bodensee, Oberrheintiefebene) wächst sie problemlos im Freiland. Der mehrstämmige, buschige Wuchs unterscheidet sie optisch deutlich von Hanfpalmen und bringt Abwechslung ins Bild.
Besonders die blaue Varietät cerifera aus dem Atlasgebirge ist optisch spektakulär mit silbrig-blauen Fächerblättern. Sie ist etwas frosthärter als die Nominatform und in milden Lagen eine der schönsten winterharten Palmen die man haben kann.
Geeignet für: Zone 8 im Freiland, Zone 7b mit Schutz. Trockene mediterrane Standorte. Kübel bundesweit.
4. Sabal minor – das Geheimnisvolle
Sabal minor ist unter Anfängern wenig bekannt obwohl sie für bestimmte Lagen hervorragend geeignet ist. Ihre Besonderheit: das Meristem liegt unterirdisch. Selbst wenn alle Blätter durch Frost zerstört werden treibt die Pflanze neu aus. Das macht sie für Gärtner interessant die in Zonen 6 bis 7a mit unzuverlässigen Wintern experimentieren wollen.
Mit dokumentierten −20 °C Frosthärte bei nordgeorgischen Herkünften ist sie theoretisch fast so hart wie die Bulgaria-Selektion. Das Problem: in deutschen Sommern wächst sie sehr langsam. Jahre können vergehen bis die erste sichtbare Stammbildung einsetzt. Für Ungedultige die schnell sichtbare Ergebnisse wollen ist sie nicht die richtige Wahl.
Für Gärtner mit kontinentalen Lagen in Zone 6 die T. fortunei trotz allem riskant finden ist Sabal minor eine interessante Ergänzung. Sie erfordert gute Drainage und einen sonnigen Standort.
Geeignet für: experimentierfreudige Anfänger, Zone 6, sonnige trockene Standorte.
5. T. fortunei 'Bulgaria' – wenn es etwas härter sein soll
Wer in Zone 6 oder einer besonders kalten Lage Zone 7a kultivieren will und die sichere Bank sucht sollte zur Bulgaria-Selektion greifen. Diese von den Plovdiv-Originalpalmen abstammende Linie hat dokumentiert −20 °C überlebt und ist in der Kultivierung genauso unkompliziert wie normale T. fortunei.
Der Mehrpreis gegenüber Standardware ist gerechtfertigt wenn der Standort grenzwertig ist. Für normale Zone 7b ohne besondere Problemstellen ist der Vorteil dagegen marginal – eine gut herkunfts-dokumentierte T. fortunei von einem deutschen Züchter tut es dort genauso.
Wichtig: beim Kauf auf die Herkunftsdokumentation bestehen. Der Name "Bulgaria" ist nicht geschützt und wird manchmal für normale Fortunei-Pflanzen verwendet. Mehr dazu auf der Bulgaria-Seite.
Geeignet für: Zone 6, grenzwertige Zone 7a-Lagen, Sammler die das Besondere wollen.
Wo und wie kaufen?
Für Anfänger empfehle ich den Kauf bei spezialisierten deutschen Palmenbaumschulen statt im Baumarkt oder bei Massenimporteuren. Der Preisunterschied ist real aber gerechtfertigt. Eine gut dokumentierte Pflanze von 50 bis 80 cm Stammhöhe aus einer deutschen Baumschule kostet 80 bis 150 Euro. Das ist für eine Pflanze die 30+ Jahre stehen kann keine große Investition.
Was beim Kauf zu prüfen ist: Herkunftsangabe, Stammhöhe, Zustand des Wurzelballens (fest im Topf, nicht frisch umgetopft), Blattfarbe (gesundes Dunkelgrün, keine gelben oder braunen Flecken). Mehr Details im Kaufberatungs-Ratgeber.
Für die Standortwahl vor dem Kauf unbedingt den Standort-Ratgeber lesen. Ein guter Standort ist wichtiger als die teuerste Pflanze.
Dr. Klaus Brinkmann
Dr. Klaus Brinkmann berät seit über drei Jahrzehnten Privatgärtner bei der Auswahl und Kultivierung winterharter Gehölze. Dieser Artikel basiert auf Erfahrungen aus hunderten Beratungsgesprächen und der Beobachtung welche Pflanzen bei Einsteigern langfristig erfolgreich sind.