Story & Erfahrungsbericht

Diese Palme überlebte −17 Grad in Deutschland – ein Erfahrungsbericht

von Dr. Klaus Brinkmann | 8. März 2025 | Lesezeit ca. 8 Minuten

Ein Garten in der Prignitz, ein ungewöhnlich kalter Februarmorgen und eine Hanfpalme die niemand für überlebensfähig hielt. Was danach passierte widerlegt viele Annahmen über Palmen in Deutschland.

Der Winter 2023/24 in Zahlen

Der Winter 2023/24 war in Teilen Deutschlands ungewöhnlich kalt. Während der Westen vergleichsweise mild blieb erlebte der Nordosten und besonders Brandenburg mehrere kurze aber intensive Kälteeinbrüche. Die Wetterstation Wittenberge verzeichnete am 17. Februar 2024 −17,3 °C als Tagesminimum. Für diese Region, die klimatisch in Zone 6b bis 7a liegt, ist das zwar außergewöhnlich aber nicht historisch einmalig.

Für Palmengärtner in der Region war das eine bange Nacht. Hanfpalmen gelten als zuverlässig bis −18 °C bei guten Bedingungen, aber das ist eine Laborzahl. In der Realität spielen Standort, Abhärtung, Bodenfeuchte und Luftfeuchte eine entscheidende Rolle. −17,3 °C bei gleichzeitig hoher Luftfeuchtigkeit und vorherigem Tauwetter ist eine andere Situation als dieselbe Temperatur bei trockener Kälte.

Der Garten und die Palme

Oliver Misch, der diese Website betreibt, hat mir von dem Fall aus der Prignitz berichtet. Der Gartenbesitzer, den ich hier Markus K. nenne weil er anonym bleiben möchte, kultiviert seit 2016 eine T. fortunei in seinem Hausgarten in der Prignitz. Die Pflanze wurde als Jungpflanze mit knapp 10 cm Stamm gepflanzt und ist mittlerweile auf einen Stamm von 68 cm gewachsen.

Der Standort ist bemerkenswert: Südostseite eines massiven Backsteinhauses, leicht erhöht auf einem sandig-kiesigen Untergrund, völlig windgeschützt durch eine alte Buchenhecke im Norden. Der Boden entwässert hervorragend. Markus K. mulcht jedes Jahr großzügig und lässt tote Blätter am Stamm hängen anstatt sie im Herbst zu entfernen.

Den Winterschutz beschränkt er auf einen einfachen Herzschutz aus Kokosfaser und Vlies. Kein Stammschutz, keine Lichterketten, kein Blatteinwickeln. "Die Blätter machen das selbst wenn sie alt werden", sagt er, "die hängen sich nach unten und bilden eine natürliche Schutzschicht um den Stamm."

Die Nacht mit −17 Grad

Am Abend des 16. Februar 2024 sank die Temperatur rasch. Um Mitternacht waren es bereits −12 °C, um 4 Uhr morgens −15,8 °C und das Minimum von −17,3 °C wurde gegen 6 Uhr morgens erreicht. Tagsüber stieg die Temperatur auf −4 °C und am nächsten Tag wieder auf +3 °C.

Markus K. fotografierte seine Palme am Morgen danach. Das Bild ist dramatisch: alle Blätter hängen schlaff nach unten, die äußersten sind bereits weiß verfärbt, der Anblick lässt wenig Hoffnung. Er rief mich an und fragte ob er die Pflanze schon aufgeben solle.

Mein Rat: Nichts tun. Warten. Das Herz nicht prüfen bevor die Temperaturen dauerhaft über 5 °C sind. Keine Eingriffe.

Was danach passierte

Im März sah die Palme noch schlimmer aus. Alle Blätter komplett braun, trocken, papierartig. Markus K. schickte wöchentlich Fotos. Ich sagte weiter: Warten.

Anfang April entfernte er vorsichtig den Herzschutz. Das Herz war grün, fest, duftete frisch. Kein Zeichen von Fäulnis. Er konnte das jüngste Blatt nicht leicht herausziehen. Das war das erste gute Zeichen.

Mitte April: der erste zarte neue Blattansatz wurde sichtbar. Eine winzige grüne Spitze in der Mitte des Blattkranzes.

Ende Mai: zwei neue Blätter vollständig entfaltet. Die Palme war nicht nur lebendig sie trieb mit bemerkenswerter Energie aus. Alle beschädigten Blätter wurden nach und nach abgeschnitten. Bis September sah die Pflanze wieder normal aus wenn auch mit weniger Blättern als vor dem Winter.

„Ich hätte nie gedacht dass die das überlebt. Ich hätte sie fast im April herausgerissen. Gut dass ich auf Rat gehört und einfach gewartet habe."

Markus K., Gartenbesitzer, Prignitz

Warum hat sie überlebt?

Die Analyse des Falls zeigt mehrere Faktoren die zusammen das Überleben ermöglicht haben. Kein einzelner Faktor wäre allein ausreichend gewesen.

Standort: Die Südostwand des Backsteinhauses speichert tagsüber Wärme und gibt sie nachts ab. Messungen an vergleichbaren Standorten zeigen dass solche Mauern die nächtliche Temperatur direkt an der Pflanze um 2 bis 4 °C anheben können. Bei −17,3 °C Lufttemperatur lagen am Standort möglicherweise nur −13 bis −14 °C.

Drainage: Der sandige Boden entwässert hervorragend. Die Erde war zwar gefroren aber nicht nass gefroren. Trockener Frost ist für Hanfpalmen deutlich weniger schädlich als nasser Frost.

Stammgröße: 68 cm Stamm bedeutet eine enorme Biomasse die als Wärmespeicher und Energiereservoir dient. Jungpflanzen ohne Stamm hätten diese Nacht mit fast sicherer Wahrscheinlichkeit nicht überlebt.

Herkunft der Pflanze: Die Pflanze wurde aus einem kleinen deutschen Spezialbetrieb bezogen der Pflanzen aus nordchinesischem Saatgut anzieht. Diese Herkunft ist möglicherweise der entscheidende Unterschied zu Massenware aus norditalienischen Baumschulen.

Herzschutz: Der einfache aber trockene Herzschutz hat das Herz trocken gehalten. Das war möglicherweise der Faktor der den Unterschied zwischen Leben und Tod ausgemacht hat.

Was das für Palmengärtner bedeutet

Dieser Fall zeigt zweierlei. Erstens: die physiologische Frosttoleranz von T. fortunei ist bei optimalen Standortbedingungen tatsächlich so hoch wie in der Literatur angegeben oder sogar höher. Zweitens: Standort, Herkunft und der richtige Herzschutz sind keine Luxus sondern Grundvoraussetzungen.

Wer eine T. fortunei aus einer deutschen oder norddeutsch aufgezogenen Linie an einem gut gewählten Standort mit trockenem Herzschutz kultiviert kann auch in Zone 6b realistisch auf Langzeiterfolg hoffen. Wer dagegen billige Massenware aus Süditalien an eine Nordwand mit Lehmstaunässe pflanzt wird selbst in Zone 7b Probleme bekommen.

Eine noch härtere Option für kontinentale Lagen ist die Bulgaria-Selektion, deren Plovdiv-Ursprungspflanzen nachweislich −20 °C überstanden haben. Für die Auswahl der richtigen Pflanze für den eigenen Standort hilft die Kaufberatung.

KB

Dr. Klaus Brinkmann

Botaniker & Palmenkultivateur – 34 Jahre Erfahrung

Dr. Klaus Brinkmann hat an der Universität Bonn Botanik studiert und beschäftigt sich seit 1991 mit der Kultivierung subtropischer Gehölze in mitteleuropäischem Klima. Er hat diesen Erfahrungsbericht gemeinsam mit dem Gartenbesitzer dokumentiert und die botanischen Hintergründe ausgewertet.

FAQ – Palme überlebte −17 Grad

Wie kalt kann es für eine T. fortunei wirklich werden?
Unter optimalen Bedingungen (trocken, guter Standort, gut eingewurzelt, nordchinesische Herkunft) bis mindestens −17 °C wie dieser Fall zeigt. Massenware aus Südeuropa an ungünstigem Standort kann schon bei −10 °C versagen.
Wie lange soll man nach einem Frost abwarten bevor man aufgibt?
Mindestens bis Ende Mai. Palmen können im April noch komplett braun aussehen und im Juni wieder austreiben. Das Herz ist der einzige zuverlässige Indikator für das Überleben.
Was war das Entscheidende in diesem Fall?
Die Kombination aus Standort (Südostwand, gute Drainage), Stammgröße (68 cm), Herkunft (nordchinesisches Saatgut) und trockenem Herzschutz. Kein einzelner Faktor war ausreichend – alle mussten zusammenspielen.
Kann ich meine T. fortunei auch ohne Schutz überwintern lassen?
In Zone 7b ab dem dritten Jahr an einem guten Standort ja, mit dem Risiko von Blattschäden bei extremen Wintern. Ein einfacher trockener Herzschutz kostet 20 Minuten und deutlich reduziert das Risiko.