Die ehrliche Ausgangslage
Ich war während meiner aktiven Zeit als Tropenexperte in echten tropischen Gärten auf Bali, in Costa Rica, in Malaysia. Ich weiß genau wie ein wirklich tropischer Garten aussieht, riecht und sich anfühlt. Und ich sage direkt: das ist in Deutschland nicht reproduzierbar. Nicht wegen des Klimas allein sondern wegen des Lichts, der Luftfeuchtigkeit, der Temperaturen auch nachts und der schieren Pflanzendichte die in tropischen Klimazonen möglich ist.
Wer das akzeptiert und stattdessen fragt "wie nah kann ich an tropische Atmosphäre herankommen ohne mein Klima zu bekämpfen" – der findet gute Antworten. Das ist der Unterschied zwischen einem Garten der stets kämpft und einem der in seinen Mitteln aufgeht.
In meinem eigenen Garten in Brandenburg habe ich das über Jahre ausprobiert. Brandenburg ist nicht tropisch. Aber mit den richtigen Pflanzen, im richtigen Licht, im Sommer – da gibt es Momente wo der Unterschied kleiner ist als man denkt.
Was tropisch optisch bedeutet
Tropisch ist ein visuelles Konzept das auf wenigen Schlüsselelementen beruht. Breite, große Blätter die Fülle suggerieren. Fächerförmige oder gefiederte Strukturen wie bei Palmen. Üppiges Grün das Wachstum und Wärme signalisiert. Vertikale Elemente die in die Höhe streben. Und eine gewisse Dichte, eine Überschichtung verschiedener Pflanzen die einen fast undurchdringlichen Eindruck erzeugt.
Diese optischen Elemente sind in Deutschland erreichbar. Die Temperaturempfindung die echte Tropen begleitet ist es nicht. Aber Augen lassen sich täuschen – Nasen eher nicht. Der Duft von Frangipani, Ylang-Ylang oder echtem Ingwerblüten ist in deutschen Gärten nicht zu haben. Das ist die ehrliche Grenze.
Pflanzen die tropisch wirken und winterhart sind
Musa basjoo: Das Paradestück für Tropenlook. Die riesigen Blätter die im Sommer auf 1,5 bis 2 Meter Länge wachsen sind der überzeugenste Tropenindikator den man in deutschen Gärten haben kann. Das Rhizom ist bis −15 °C winterhart, die oberirdischen Blätter frieren meist ab. Der explosive Neuaustrieb im Mai ist jedes Jahr eine Freude.
Trachycarpus fortunei: Die Kombination aus Musa und T. fortunei ist die klassische Tropenillusion im deutschen Garten. Beide haben grundverschiedene Blattformen die zusammen in einem Beet wie aus einem südostasiatischen Park aussehen können.
Phyllostachys-Bambus: Bambuswälder erzeugen ein sehr asiatisch-tropisches Raumgefühl das nichts anderes erreicht. Als Hintergrundpflanzung oder Raumteiler eingeplant transformiert Bambus einen Gartenbereich vollständig.
Gunnera manicata: Die Mammutblätter dieser großen Staudenart können im Sommer 2 bis 3 Meter Durchmesser erreichen. Das Rhizom überlebt mit gutem Mulchschutz in Zone 7. Der Eindruck ist fast prähistorisch-tropisch. Als Solitär neben einem Teich oder Bachlauf unübertroffen.
Tetrapanax papyrifer: Weniger bekannt aber sehr wirkungsvoll. Die großen Blätter erinnern an tropische Feigenbäume, die Pflanze ist robuster als sie aussieht und treibt nach kalten Wintern aus dem Rhizom neu aus.
Die saisonale Strategie macht das Beste draus
Tropische Atmosphäre in deutschen Gärten ist ein Sommerphänomen. Wer das akzeptiert und seine Gartenplanung darauf ausrichtet hat die besten Ergebnisse. Im Sommer alle Register ziehen: Musa, Canna, Dahlie, Bambus, Palmen. Im Winter die winterharten Strukturpflanzen arbeiten lassen: Palme, Yucca, Agave, Bambus.
Die Kombination aus ganzjährig winterharten Strukturpflanzen und saisonal eingesetzten Sommer-Exoten gibt dem Garten ein Gesicht in jeder Jahreszeit. Das ist ein ehrlicherer Ansatz als zu versuchen ganzjährig tropisch zu sein was in deutschen Wintern schlicht nicht klappt.
Kübelpflanzen die im Sommer nach draußen kommen und im Winter eingeräumt werden ergänzen dieses Konzept gut. Ein großer Bananenstaude aus dem Kübel, zwei Oleander und eine Chamaerops aus dem Winterquartier verwandeln eine Terrasse im Mai vollständig. Im Oktober kommen sie rein und die winterharten Strukturpflanzen tragen die Fahne fort.
Die Grenzen – und warum sie in Ordnung sind
Ein deutscher Tropengarten wird nie ein echter Tropengarten sein. Die Vegetationsperiode ist kürzer, das Licht ist anders, die Nächte zu kalt für dauerhaftes tropisches Wachstum. Wer das als Scheitern bewertet hat die falsche Erwartung.
Wer es als Möglichkeit bewertet in einem gemäßigten Klima mit winterharten Pflanzen einen Ausschnitt des Tropischen zu zeigen hat gute Voraussetzungen für einen Garten der ihn wirklich glücklich macht. Das ist der Geist in dem exotische Gärten in Deutschland ihre besten Versionen werden.
Prof. Dr. Rainer Brodesser
Prof. Dr. Rainer Brodesser bereiste während seiner aktiven Zeit dutzende Länder auf der Suche nach seltenen Pflanzenarten. Im Ruhestand widmet er sich in Brandenburg seiner privaten Hobbyzucht und beschäftigt sich mit der Frage was in deutschen Gärten heute möglich ist.