Probleme & Krankheiten

Speer zieht sich heraus – Diagnose und Erstmaßnahmen bei Palmenkrankheit

von Dr. Klaus Brinkmann | 12. Juni 2025 | Lesezeit ca. 7 Min.

Der Speer – das jüngste noch nicht entfaltete Blatt – ist der Gesundheitscheck der Palme. Wenn er sich leicht herausziehen lässt ist Vorsicht geboten. Was es bedeutet und was zu tun ist.

Was der Speer ist und warum er wichtig ist

Als Botaniker ist mir der Speer einer der wichtigsten diagnostischen Indikatoren bei Palmen. Der Speer ist das jüngste noch gerollte Blatt das sich in der Mitte des Herzbereichs der Palme befindet. Er entsteht direkt aus dem apikalen Meristem, der einzigen Wachstumsspitze der Palme, und ist damit das empfindlichste und wichtigste Gewebe der gesamten Pflanze.

Bei einer gesunden Palme sitzt der Speer fest. Er ist grün, straff aufgerollt und lässt sich nicht ohne deutlichen Widerstand herausziehen. Diese Festigkeit zeigt dass das Meristem aktiv ist und das Blatt noch durch aktives Zellwachstum mit dem Herz verbunden ist.

Wenn der Speer sich leicht oder sogar reibungslos herausziehen lässt – ohne den charakteristischen Widerstand und das leise Knistern gesunder Fasern – ist das ein klares Alarmsignal das sofortige Aufmerksamkeit erfordert.

Der Speer-Test: so wird er richtig durchgeführt

Den Speer-Test sollte man regelmäßig als Routinecheck durchführen, besonders im Winter und im Frühjahr:

  1. Die noch gerollte Blattspirale in der Mitte des Blattkranzes identifizieren
  2. Sanft aber bestimmt daran ziehen – nicht reißen, ziehen
  3. Bei Widerstand und Geräusch: gut. Der Speer lebt und sitzt fest
  4. Bei leichtem oder widerstandslosem Herausgleiten: Alarm
  5. Geruch prüfen: gesund = neutral bis leicht frisch-grün; krank = faulig, fermentiert
  6. Farbe der Basis prüfen: gesund = hellgrün bis weißgrün; krank = braun bis schwarz

Werkzeug desinfizieren: Wenn man bei der Untersuchung den Verdacht auf eine Infektion hat das Werkzeug sofort mit Isopropanol (70%) desinfizieren. Viele Pilzerreger werden durch direkten Kontakt übertragen.

Was die Ursachen sein können

Phytophthora-Herzfäule ist die häufigste ernste Ursache. Phytophthora ist ein Pseudopilz der bei nass-kühlen Bedingungen aktiv wird und bevorzugt das Herzgewebe befällt. Der Speer wird weich und lässt sich leicht herausziehen, die Basis riecht faulig. Tritt häufig nach feuchten Wintern auf besonders wenn der Herzschutz Feuchtigkeit eingeschlossen hat.

Frostschäden am Herz können ähnlich aussehen. Wenn das Herz durch tiefen Frost abgestorben ist lässt sich der Speer ebenfalls herausziehen. Der Unterschied: Frostschäden zeigen sich nach einem Kälteeinbruch während Phytophthora sich langsam entwickelt. Frostgeschädigtes Gewebe ist trocken-braun, pilzgeschädigtes ist oft nass-matschig.

Roter Palmrüsselkäfer (Rhynchophorus ferrugineus) kann in sehr seltenen Fällen in Deutschland ebenfalls dazu führen dass der Speer sich herausziehen lässt. Bei Larvenbefall im oberen Stammbereich frisst die Larve direkt das Herzgewebe an. Süßlich-fauliger Geruch und klebrige Ausflüsse am Stamm sind zusätzliche Warnsignale.

Was zu tun ist

Wenn der Speer sich leicht herausziehen lässt gilt: schnell und gezielt handeln.

  1. Speer vorsichtig vollständig entfernen um den Herzbereich freizulegen
  2. Betroffenes weiches braunes Gewebe mit einem desinfizierten Messer bis ins gesunde grüne Gewebe entfernen
  3. Herzbereich mit einem systemischen Fungizid auf Fosetyl-Aluminium-Basis behandeln – direkt in die Wundfläche auftragen
  4. Den Bereich trocknen lassen und vor direktem Regen schützen
  5. Wiederholen nach 10 bis 14 Tagen

Je früher die Behandlung desto besser die Chancen. Eine Behandlung im Frühstadium bevor das gesamte Herz betroffen ist kann die Pflanze retten. Wenn das gesamte Herz bereits braun-matschig und stark riechend ist sind die Heilungschancen gering.

Überlebenschancen realistisch einschätzen

Die Prognose hängt davon ab wie weit die Infektion oder der Schaden fortgeschritten ist. Als Faustregel: wenn der äußere Rand des Herzbereichs noch grünes lebendiges Gewebe zeigt gibt es eine realistische Überlebenschance. Wenn das gesamte Herz betroffen ist sind die Chancen minimal.

Auch bei ungünstiger Prognose: die Pflanze erst aufgeben wenn bis Ende Mai keinerlei neue Aktivität sichtbar ist. Ich habe Fälle erlebt wo Palmen nach scheinbar totalem Herzversagen noch ausgetrieben haben. Selten, aber es passiert. Der Ratgeber Frostschäden erkennen gibt weitere Hinweise zur Diagnose.

KB

Dr. Klaus Brinkmann

Botaniker & Palmenkultivateur – 34 Jahre Erfahrung

Dr. Klaus Brinkmann hat an der Universität Bonn Botanik studiert und beschäftigt sich seit 1991 mit der Kultivierung subtropischer Gehölze in Mitteleuropa. In seinem Garten in der Rheinebene wachsen über 60 Palmen, davon 23 Arten im Freiland.

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FAQ – Speer zieht sich heraus

Muss ich sofort handeln wenn der Speer sich herausziehen lässt?
Ja, schnell handeln ist wichtig. Je früher die Behandlung desto besser die Überlebenschancen. An einem trockenen Tag das betroffene Gewebe entfernen und mit Fungizid behandeln.
Kann sich eine Palme erholen wenn der Speer herausgezogen ist?
Wenn das Herzgewebe an der Basis noch lebendig grün ist ja. Die Behandlung mit systemischem Fungizid und Trockenhalten gibt ihr eine Chance. Bei vollständig totem braunem Herzgewebe ist die Prognose schlecht.
Wie oft soll ich den Speer-Test durchführen?
Im Winter monatlich wenn der Herzschutz offen gelassen wird. Im Frühjahr beim Abnehmen des Winterschutzes obligatorisch. Im Sommer reicht ein Check alle zwei Monate.
Kann man Phytophthora vorbeugen?
Ja: trockener Herzbereich ist der wichtigste Schutz. Atmungsaktiver Herzschutz im Winter, kein Wasser im Herz sammeln lassen, Staunässe am Stammansatz vermeiden.