Was der Speer ist und warum er wichtig ist
Als Botaniker ist mir der Speer einer der wichtigsten diagnostischen Indikatoren bei Palmen. Der Speer ist das jüngste noch gerollte Blatt das sich in der Mitte des Herzbereichs der Palme befindet. Er entsteht direkt aus dem apikalen Meristem, der einzigen Wachstumsspitze der Palme, und ist damit das empfindlichste und wichtigste Gewebe der gesamten Pflanze.
Bei einer gesunden Palme sitzt der Speer fest. Er ist grün, straff aufgerollt und lässt sich nicht ohne deutlichen Widerstand herausziehen. Diese Festigkeit zeigt dass das Meristem aktiv ist und das Blatt noch durch aktives Zellwachstum mit dem Herz verbunden ist.
Wenn der Speer sich leicht oder sogar reibungslos herausziehen lässt – ohne den charakteristischen Widerstand und das leise Knistern gesunder Fasern – ist das ein klares Alarmsignal das sofortige Aufmerksamkeit erfordert.
Der Speer-Test: so wird er richtig durchgeführt
Den Speer-Test sollte man regelmäßig als Routinecheck durchführen, besonders im Winter und im Frühjahr:
- Die noch gerollte Blattspirale in der Mitte des Blattkranzes identifizieren
- Sanft aber bestimmt daran ziehen – nicht reißen, ziehen
- Bei Widerstand und Geräusch: gut. Der Speer lebt und sitzt fest
- Bei leichtem oder widerstandslosem Herausgleiten: Alarm
- Geruch prüfen: gesund = neutral bis leicht frisch-grün; krank = faulig, fermentiert
- Farbe der Basis prüfen: gesund = hellgrün bis weißgrün; krank = braun bis schwarz
Werkzeug desinfizieren: Wenn man bei der Untersuchung den Verdacht auf eine Infektion hat das Werkzeug sofort mit Isopropanol (70%) desinfizieren. Viele Pilzerreger werden durch direkten Kontakt übertragen.
Was die Ursachen sein können
Phytophthora-Herzfäule ist die häufigste ernste Ursache. Phytophthora ist ein Pseudopilz der bei nass-kühlen Bedingungen aktiv wird und bevorzugt das Herzgewebe befällt. Der Speer wird weich und lässt sich leicht herausziehen, die Basis riecht faulig. Tritt häufig nach feuchten Wintern auf besonders wenn der Herzschutz Feuchtigkeit eingeschlossen hat.
Frostschäden am Herz können ähnlich aussehen. Wenn das Herz durch tiefen Frost abgestorben ist lässt sich der Speer ebenfalls herausziehen. Der Unterschied: Frostschäden zeigen sich nach einem Kälteeinbruch während Phytophthora sich langsam entwickelt. Frostgeschädigtes Gewebe ist trocken-braun, pilzgeschädigtes ist oft nass-matschig.
Roter Palmrüsselkäfer (Rhynchophorus ferrugineus) kann in sehr seltenen Fällen in Deutschland ebenfalls dazu führen dass der Speer sich herausziehen lässt. Bei Larvenbefall im oberen Stammbereich frisst die Larve direkt das Herzgewebe an. Süßlich-fauliger Geruch und klebrige Ausflüsse am Stamm sind zusätzliche Warnsignale.
Was zu tun ist
Wenn der Speer sich leicht herausziehen lässt gilt: schnell und gezielt handeln.
- Speer vorsichtig vollständig entfernen um den Herzbereich freizulegen
- Betroffenes weiches braunes Gewebe mit einem desinfizierten Messer bis ins gesunde grüne Gewebe entfernen
- Herzbereich mit einem systemischen Fungizid auf Fosetyl-Aluminium-Basis behandeln – direkt in die Wundfläche auftragen
- Den Bereich trocknen lassen und vor direktem Regen schützen
- Wiederholen nach 10 bis 14 Tagen
Je früher die Behandlung desto besser die Chancen. Eine Behandlung im Frühstadium bevor das gesamte Herz betroffen ist kann die Pflanze retten. Wenn das gesamte Herz bereits braun-matschig und stark riechend ist sind die Heilungschancen gering.
Überlebenschancen realistisch einschätzen
Die Prognose hängt davon ab wie weit die Infektion oder der Schaden fortgeschritten ist. Als Faustregel: wenn der äußere Rand des Herzbereichs noch grünes lebendiges Gewebe zeigt gibt es eine realistische Überlebenschance. Wenn das gesamte Herz betroffen ist sind die Chancen minimal.
Auch bei ungünstiger Prognose: die Pflanze erst aufgeben wenn bis Ende Mai keinerlei neue Aktivität sichtbar ist. Ich habe Fälle erlebt wo Palmen nach scheinbar totalem Herzversagen noch ausgetrieben haben. Selten, aber es passiert. Der Ratgeber Frostschäden erkennen gibt weitere Hinweise zur Diagnose.
Dr. Klaus Brinkmann
Dr. Klaus Brinkmann hat an der Universität Bonn Botanik studiert und beschäftigt sich seit 1991 mit der Kultivierung subtropischer Gehölze in Mitteleuropa. In seinem Garten in der Rheinebene wachsen über 60 Palmen, davon 23 Arten im Freiland.