Überwinterung

Warum viele Palmen im Winter sterben – was wirklich dahintersteckt

von Dr. Klaus Brinkmann| 15. September 2025| Lesezeit ca. 7 Minuten

Jedes Jahr sterben in Deutschland Tausende Palmen im Winter. In den meisten Fällen nicht wegen zu kalter Temperaturen sondern wegen Fehlern die Monate vorher gemacht wurden.

Staunässe: Todesursache Nummer eins

In über 34 Jahren Beratungspraxis und der Beobachtung von hunderten Palmtoden im deutschen Winter ist Staunässe die häufigste und sicherste Todesursache. Nicht Frost allein – Frost kombiniert mit stehendem Wasser um die Wurzeln herum.

Was genau passiert: nasser Boden friert, dehnt sich aus und zerquetscht Wurzeln mechanisch. Das durch das Ausfrieren entstehende Porensystem im Boden füllt sich beim nächsten Auftauen sofort wieder mit Wasser. Gleichzeitig schaffen die anaeroben Bedingungen in wassergesättigtem gefrorenem Boden ideale Lebensbedingungen für Phytophthora und andere Fäulnispilze die bei jedem Auftauen aktiv werden.

Eine Pflanze die im Oktober in einem nassen Lehmboden steht hat gegen einen normalen deutschen Winter kaum Chancen – selbst wenn sie genetisch bis −18 °C frosthart wäre. Der Frost ist der auslösende Faktor, der eigentliche Killer ist das Wasser.

Minderqualität beim Kauf

Die zweithäufigste Ursache ist der Kauf billiger Massenware ohne Herkunftsdokumentation. Pflanzen die in Norditalien für mediterrane Verhältnisse produziert wurden sind über Generationen an milde, feuchte Winter selektiert. Ihre genetische Frosthärte liegt vielleicht bei −12 bis −14 °C, nicht bei den auf dem Etikett angegebenen −18 °C.

Dieser Unterschied von 4 bis 6 °C klingt überschaubar. In einem normalen deutschen Winter mit Minima um −10 °C passiert meist nichts. In einem harten Winter mit −16 °C stirbt dieselbe Pflanze zuverlässig während eine gut herkunftsdokumentierte T. fortunei aus nordchinesischem Saatgut das problemlos übersteht.

Das ist kein Betrug der Händler sondern ein Systemfehler: die meisten Käufer fragen nicht nach der Herkunft und wählen nach Preis und Aussehen. Die Folge zahlen sie ein oder zwei Winter später.

Fehlende Abhärtung durch Herbstfehler

Stickstoffreicher Dünger im September, intensive Bewässerung bis Oktober, ein warmer Herbst ohne Abhärtungsphase gefolgt von einem abrupten Kälteeinbruch – das ist ein Rezept für Palmtod das ich mir in meiner Beratungszeit leider Hunderte Male angehört habe.

Die Physiologie dahinter: Abhärtung ist ein aktiver Prozess den die Pflanze bei sinkenden Temperaturen und reduzierter Nährstoffversorgung durchläuft. Wer im September noch düngt hält die Pflanze im Wachstumsmodus. Das junge weiche Gewebe das dabei entsteht hat keine Frostschutzsubstanzen eingelagert und stirbt bei Temperaturen bei denen gut abgehärtetes Gewebe problemlos überlebt.

Schimmel durch zu dichten Winterschutz

Zu dichter Winterschutz tötet Palmen. Das klingt paradox ist aber eine Realität die ich mehrfach dokumentiert habe. Luftdicht mit Folie oder mehrfach mit Vlies eingewickelte Pflanzen entwickeln bei den häufigen Temperaturen über 0 °C im deutschen Winter Schimmelinfektionen die das Herzgewebe zerstören.

Besonders perfide: die Pflanze sieht von außen geschützt und scheinbar in Ordnung aus. Erst wenn der Schutz im Frühling abgenommen wird zeigt sich das braun-matschige Herzgewebe das durch Schimmel vernichtet wurde. Kein Frost war nötig – nur falsch angebrachter Schutz.

Der falsche Standort als langfristiger Killer

Falsche Standorte töten langsamer aber genauso sicher. Eine Palme im Kaltluftloch, an der Nordwand oder in stehendem Grundwasser verliert Jahr für Jahr an Vitalität. Nach fünf bis sieben Jahren ist sie so geschwächt dass selbst ein normaler Winter den Todesstoß gibt.

In solchen Fällen wird der Winter beschuldigt obwohl er nur der letzte Auslöser war. Der eigentliche Fehler lag in der Standortwahl die von Anfang an das Schicksal der Pflanze besiegelt hat.

Was das bedeutet

Frost tötet Palmen seltener als sein Ruf vermuten lässt. Die echten Killer sind Staunässe, minderwertige Herkunft, fehlende Abhärtung und falscher Winterschutz. Wer diese vier Fehler vermeidet hat auch in Zone 7a gute Chancen auf dauerhaft gesunde Freilandpalmen. Der ausführlichere Artikel zu den häufigsten Fehlern: Fehler beim Überwintern.

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Dr. Klaus Brinkmann

Botaniker & Palmenkultivateur – 34 Jahre Erfahrung

Dr. Klaus Brinkmann studierte Botanik an der Universität Bonn und kultiviert seit 1991 winterharte Gehölze in der Rheinebene. In seinem Garten wachsen über 60 Palmen verschiedener Arten.

FAQ – Warum Palmen im Winter sterben

Wie erkenne ich ob meine Pflanze an Staunässe gestorben ist?
Die Wurzeln sind schwarz und matschig statt weiß und fest. Der Boden riecht faulig. Das Stamm- und Herzgewebe ist weich und zeigt Fäulnissymptome. Im Gegensatz zu reinem Frostschaden ist der Schaden oft tiefer und gleichmäßiger verteilt.
Kann ich Staunässe im Nachhinein noch retten?
Bei früh erkannter Staunässe ja: Gießen sofort einstellen, Drainage verbessern, Pflanze aus dem Boden nehmen und faulige Wurzeln entfernen, dann an besserem Standort neu pflanzen. Bei vollständiger Wurzelfäule kaum noch möglich.
Wie unterscheide ich Frostschaden von Schimmelschaden?
Frostschaden ist trocken, braun-knusprig, oft an exponierten Stellen zuerst. Schimmelschaden ist feucht, matschig, mit weißem bis grünem Belag und fauligem Geruch. Beim Frostschaden ist das Herzgewebe oft noch intakt, beim Schimmelschaden ist es typischerweise angegriffen.
Gibt es eine Möglichkeit zu testen ob mein Boden zu staunass ist?
Ja: nach einem Regenschauer eine Stunde warten und dann schauen ob Wasser um die Pflanze herum steht. Oder ein Loch 30 cm tief graben, mit Wasser füllen und nach einer Stunde prüfen ob das Wasser abgezogen ist. Mehr als zwei Stunden = problematische Drainage.