Der richtige Zeitpunkt
Die einfache Antwort: im herbst nichts abschneiden, im Frühjahr abschneiden wenn keine Fröste mehr drohen und die Pflanze erste Aktivität zeigt. Das ist der Grundsatz der sich in meiner langen Gartenerfahrung immer wieder bestätigt hat.
Warum im Herbst nicht schneiden? Blätter auch wenn sie alt und hängend sind isolieren den Stammansatz und helfen dem Herz bei Frostschutz. Wer im Oktober alles blankschneidet lässt diese natürliche Isolierung weg. Dazu kommt das frische Schnittstellen im Herbst kaum Zeit haben abzuheilen bevor die Kälte kommt.
Der beste Zeitpunkt ist April oder Anfang Mai wenn die Temperaturen dauerhaft über 5 °C liegen, keine Nachtfröste mehr angekündigt sind und die Pflanze anfängt aktiv zu werden. Dann haben frische Wunden warme Temperaturen für die Heilung und der Sommerflor kann beginnen.
Ausnahme: bei Verdacht auf Pilzbefall sollte man befallenes Material nicht bis zum Frühling stehen lassen sondern umgehend entfernen um die Ausbreitung zu stoppen. In diesem Fall sofort schneiden, desinfizieren, behandeln – egal zu welcher Jahreszeit.
Was abschneiden und was stehen lassen
Abschneiden darf man: vollständig braune und trockene Blätter die keine grünen Bereiche mehr haben, Blätter die bei leichtem Zug ohne Widerstand abfallen und Blätter die deutliche Pilzsymptome zeigen.
Stehen lassen sollte man: alle Blätter die noch grüne Anteile haben, Blätter die hängen aber nicht braun sind, Blätter die nach einem Winter braun an den Spitzen aber grün in der Mitte sind. Jedes grüne Stück Blatt betreibt noch Photosynthese und liefert der Pflanze Energie für die Erholung.
Eine verbreitete aber falsche Meinung ist das man alle Blätter ab einer bestimmten Position am Stamm entfernen muss. Es gibt keine feste Regel die besagt das unterhalb von Krone X alles weg muss. Nur tote Blätter entfernen und den Rest in Ruhe lassen.
Das richtige Werkzeug
Stumpfes Werkzeug ist das größte Problem beim Palmenschnitt. Eine stumpfe Säge oder Astschere quetscht statt zu schneiden, reißt Gewebe und hinterlässt ausgefranste Wunden die deutlich langsamer heilen und anfälliger für Pilzinfektionen sind als saubere Schnitte.
Für dünne Blattstiele: eine scharfer Gartenschere oder ein Hippe-Messer. Für dickere Blattstiele und ältere harte Blattbasen: eine Handsäge oder Japansäge mit feinen Zähnen. Für sehr große Pflanzen kann eine kleine Säbelsäge die Arbeit erleichtern.
Vor jedem Schnitt das Werkzeug mit 70-prozentigem Isopropanol oder einem ähnlichen Desinfektionsmittel reinigen. Das klingt aufwändig ist aber bei mehreren Pflanzen unverzichtbar um keine Krankheiten zu übertragen.
Schneidtechnik – wo genau schneiden?
Den Blattstiel nicht direkt am Stamm abschneiden sondern etwa 5 bis 10 cm Stummel stehen lassen. Dieser Stummel trocknet von selbst ab, schützt die Stammoberfläche darunter und fällt nach einigen Wochen oder Monaten von selbst ab. Direkt am Stamm schneiden erhöht das Verletzungsrisiko für das Stammgewebe.
Nach dem Schnitt: Schnittstellen großer Blattstiele mit Wundverschlussmittel oder Schnittwundenpaste behandeln. Bei kleineren Schnitten ist das nicht unbedingt nötig, bei großen Wunden an Blattstielen mit über 3 cm Durchmesser ist es empfehlenswert.
Häufige Fehler die ich immer wieder sehe
Der klassische Fehler: im November nach dem ersten Frost alles radikal abschneiden weil die Blätter braun aussehen. Das ist kontraproduktiv weil die Blätter noch als natürlicher Frostschutz für den Stamm dienen würden wenn man sie stehen lässt, und weil frische Schnittstellen in der Kälte kaum heilen.
Zweiter Fehler: grüne Blätter abschneiden weil sie unschön aussehen oder leicht hängen. Solange grüne Bereiche vorhanden sind leistet das Blatt einen Beitrag. Ästhetische Ungeduld kostet die Pflanze Energie.
Dritter Fehler: Werkzeug nie reinigen und von Pflanze zu Pflanze weiterarbeiten. Fusarium und andere Pilzerreger übertragen sich auf diesem Weg. Ein kurzes Abwischen mit Isopropanol zwischen den Pflanzen dauert zehn Sekunden und verhindert möglicherweise viel Schaden.
Oliver Misch
Oliver Misch betreibt winterhartepalmen.de und kultiviert seit über 15 Jahren winterharte Palmen im Rheinland. Seine Erfahrungen aus eigenem Garten und dem Austausch mit hunderten Gärtnern fließen in jeden Artikel ein.