Was die Temperaturangaben auf Etiketten wirklich bedeuten
Wenn auf einem Etikett steht "winterhart bis −18 °C" klingt das nach einer verlässlichen Aussage. Ist es aber nicht ganz. Diese Zahlen beruhen auf Labortests oder dokumentierten Einzelereignissen unter bestimmten Bedingungen die im eigenen Garten so gut wie nie exakt vorherrschen.
Die Zahl bezieht sich fast immer auf kurzzeitigen Frost bei einer vollständig abgehärteten Pflanze in trockener Kälte. Keine Nassekälte, kein Dauerfrost, ideale Abhärtung im Vorfeld. In der realen Welt weichen mindestens einer dieser Punkte fast immer vom Ideal ab.
Das bedeutet nicht dass die Angaben wertlos sind. Sie geben eine Größenordnung. Aber wer sie als harte Grenze versteht und denkt "bis −17 °C passiert nichts, bei −19 °C stirbt sie" liegt falsch. Die Übergänge sind fließend und situationsabhängig.
Kurzfrost ist nicht gleich Dauerfrost
Eine einzelne kalte Nacht mit −15 °C ist für eine gut abgehärtete T. fortunei an einem guten Standort in der Regel kein Problem. Zwei Wochen Dauerfrost unter −10 °C sind erheblich gefährlicher – selbst wenn die Temperaturen nie unter −13 °C fallen. Das liegt daran dass bei längeren Kälteperioden der Boden tief durchfriert, Energiereserven im Stamm zur Neige gehen und die Pflanze keine Erholungspausen hat.
In der Praxis ist der Dauerfrost das größere Risiko als der kurze Extremfrost. Ein Winter mit drei Wochen −8 °C hat in meiner Beobachtung mehr Palmen geschädigt als ein Winter mit einer Nacht −16 °C und sonst milden Temperaturen.
Faustformel: Kurzfrost unter −15 °C ist für etablierte T. fortunei meistens gut handhabbar. Dauerfrost über zwei Wochen unter −8 °C ist schwerer zu verkraften als eine einzige extreme Nacht.
Nassekälte: die unterschätze Gefahr
In Deutschland insbesondere im atlantisch geprägten Westen ist Nassekälte das eigentliche Problem, nicht der Extremfrost. Gleichzeitig aufretende Feuchtigkeit und Frost gefährdet Palmen auf zwei Wegen: gefrierende nasse Erde dehnt sich aus und schädigt Wurzeln mechanisch, und ein feuchtes Herz bei Minus-Temperaturen fördert Pilzinfektionen die das Herzgewebe zerstören.
Eine Palme die bei trockenem kontinentalem Frost −18 °C übersteht kann bei feuchtem atlantischen Frost schon bei −10 °C sterben wenn das Herz nicht geschützt ist. Das erklärt warum manche Gärtner in Norddeutschland bei eigentlich milden Wintern Probleme haben während Gärtner im trockenerem Osten mit kälteren Temperaturen besser zurechtkommen.
Abhärtung: der entscheidende variable Faktor
Die Frosttoleranz einer Palme ist keine feste Eigenschaft sondern verändert sich im Jahresverlauf. Im September und Oktober lagert die Pflanze Frostschutzsubstanzen ein – Zucker, Proline, andere osmotisch wirksame Stoffe die den Gefrierpunkt des Zellwassers senken. Eine Pflanze die diesen Prozess vollständig durchlaufen hat ist erheblich frostresistenter als dieselbe Pflanze im August oder nach einem warmen Oktober ohne Temperaturabfall.
Deshalb ist ein warmer Oktober der plötzlich von einer Kältewelle abgelöst wird besonders gefährlich: die Pflanze hat keine Abhärungszeit gehabt. Und deshalb sollte man im September aufhören zu düngen – stickstoffbetonte Düngung im Herbst hält die Pflanze im Wachstumsmodus und verhindert die Abhärtung.
Temperaturgrenzen verschiedener Arten im Vergleich
- T. fortunei (gut abhärtet, guter Standort): bis −18 °C kurzfristig, bis −10 °C Dauerfrost
- T. fortunei 'Bulgaria': bis −20 °C kurzfristig, etwas toleranter gegenüber Dauerfrost
- T. wagnerianus: ähnlich T. fortunei, bis −17 °C, besser bei Wind
- Chamaerops humilis: bis −12 °C kurzfristig, empfindlicher gegenüber Nassekälte
- Sabal minor (nordgeorgisch): bis −20 °C, erholt sich nach Blattfrost durch unterirdisches Herz
- Rhapidophyllum hystrix: bis −24 °C theoretisch, in deutschen Sommern sehr langsam
Alle Angaben gelten für vollständig abgehärtete Pflanzen bei trockener Kälte. Mehr zu den einzelnen Arten auf der Palmenarten-Übersicht.
Dr. Klaus Brinkmann
Dr. Klaus Brinkmann studierte Botanik an der Universität Bonn und kultiviert seit 1991 winterharte Gehölze in der Rheinebene. In seinem Garten wachsen über 60 Palmen verschiedener Arten.