Argumente fürs Einpacken
Einpacken reduziert die direkte Kälteexposition des Herzgewebes, schützt vor Windchill der die physiologische Kältebelastung erhöht, hält bei richtiger Ausführung Feuchtigkeit vom Herz fern und isoliert den Stammbereich. Bei jungen Pflanzen unter drei Jahren, bei weniger frostharten Arten und in Zone 7a und kälter sind das gewichtige Argumente.
Dazu kommt der psychologische Aspekt den ich nicht kleinreden will: wenn die Pflanze eingepackt ist schläft man ruhiger. Das ist kein rationaler Argument aber ein menschlicher. Wer weiß dass er alles getan hat was möglich war hat eine andere Grundruhe als wer bei jeder Kältewelle aufgeregt die Wetterapp checkt.
Argumente für offene Überwinterung
Offene Überwinterung ohne Einpacken hat handfeste Vorteile. Erstens kein Schimmelrisiko durch eingeschlossene Feuchtigkeit. Zweitens keine Aufheizung bei milden Zwischenperioden die die Abhärtung der Pflanze stört. Drittens kein Aufwand für Auf- und Abbau. Viertens eine natürlichere Überwinterung die der Pflanze erlaubt auf Temperaturschwankungen physiologisch zu reagieren.
Für gut eingewurzelte Pflanzen an optimalen Standorten in Zone 7b ist offene Überwinterung der ehrlichere Weg – man verlässt sich auf die echte Winterhärte der Pflanze statt auf künstliche Hilfe. Das setzt aber voraus dass die Grundbedingungen wirklich stimmen.
Das Schimmelrisiko beim Einpacken
Das größte Risiko beim Einpacken ist nicht das man vergisst es zu tun sondern das man es falsch tut. Luftdichtes Einwickeln mit Folie oder zu eng gewickeltem Vlies schafft ein Mikroklima in dem Schimmel bei den häufigen Temperaturen über 0 °C im deutschen Winter explosiv wächst.
Ich habe in meiner Beratungspraxis Pflanzen gesehen die durch Schimmel starben obwohl der Winter selbst mild war. Das Vlies war zu dicht, keine Belüftung, totes Blattmaterial als Nährstoffbasis. Das Ergebnis: eine einheitlich braune Pflanze im März die bei näherer Prüfung nicht durch Frost sondern durch Schimmelpilze am Herzgewebe gestorben war.
Wer einpackt muss atmungsaktive Materialien, lockere Wicklung und gelegentliches Lüften bei milden Phasen sicherstellen. Details dazu im Artikel Schimmel im Winterschutz.
Der sinnvolle Kompromiss: nur den Herzschutz
Für die meisten Gärtner mit T. fortunei in Zone 7 ist der sinnvolle Kompromiss: nur das Herz schützen, alles andere offen lassen. Ein minimaler Herzschutz aus Kokosfaser kostet fünf Minuten, schützt das einzige wirklich lebensnotwendige Gewebe und vermeidet das Schimmelrisiko eines kompletten Einpackens.
Der Rest der Pflanze – Stamm, Blätter – kann bei etablierten Pflanzen in Zone 7b offen bleiben. Die Blätter sind ohnehin nicht lebensnotwendig für das Überleben, sie können beschädigt werden und nachwachsen. Das Herz nicht.
Entscheidung nach Standort und Situation
- Jungpflanze 1–3 Jahre, Zone 7a: vollständig einpacken, konsequent
- Etablierte Pflanze, Zone 7b, Südwand: nur Herzschutz, Rest offen
- Etablierte Pflanze, Zone 7a: Herzschutz plus leichte Stammwicklung
- Zone 6, jede Pflanze: vollständiger Schutz, Lichterkette optional
- Kübelpflanze: Herzschutz plus Kübeldämmung, je nach Topfgröße einräumen
Dr. Klaus Brinkmann
Dr. Klaus Brinkmann studierte Botanik an der Universität Bonn und kultiviert seit 1991 winterharte Gehölze in der Rheinebene. In seinem Garten wachsen über 60 Palmen verschiedener Arten.