Warum der Zeitpunkt so entscheidend ist
Die meisten Palmenverluste im Winter passieren nicht wegen zu wenig Schutz sondern wegen falsch gesetztem Schutz. Zu früh angebrachtes Vlies bei noch milden Herbstnächten schließt Wärme und Feuchtigkeit ein, fördert Schimmelbildung und unterbricht die Abhärtungsphase der Pflanze. Zu spät angebrachter Schutz nach dem ersten Frost ist für Jungpflanzen kritisch weil das Gewebe noch nicht auf Kälte vorbereitet ist.
Das klingt wie ein Widerspruch ist es aber nicht. Zwischen "zu früh" und "zu spät" liegt ein Fenster von oft zwei bis vier Wochen im Oktober das für die meisten Standorte in Deutschland gilt. Wer dieses Fenster trifft macht alles richtig.
Oliver Misch, der auf seinem Freilandfeld in der Nähe von Bonn seit 15 Jahren Palmen kultiviert, hat eine einfache Regel: "Ich schaue nicht auf den Kalender sondern auf die Wettervorhersage. Wenn für mehrere Nächte hintereinander unter 5 Grad angekündigt wird fange ich an."
Die Abhärtungsphase – was im September passiert
September ist der unterschätzteste Monat in der Palmenkultivierung. Die Pflanze bereitet sich physiologisch auf den Winter vor. Sie lagert Zucker und andere osmotisch wirksame Substanzen in den Zellen ein die den Gefrierpunkt des Zellsafts senken. Das nennt sich Abhärtung und läuft automatisch wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Was diese Abhärtung fördert: kühle Nächte, wenig Wasser, kein Stickstoff. Was sie verhindert: warme Nächte über 15 Grad, intensive Düngung mit Stickstoff, zu viel Wasser. Wer im September noch mit NPK-Volldünger nachlegt produziert weiches, frostanfälliges Gewebe das bei −8 Grad stirbt obwohl dieselbe Pflanze gut abgehärtet auch −14 Grad überlebt hätte.
Ab Mitte September also: keine Stickstoffdüngung mehr. Wer noch einmal nachdüngen möchte greift zum kaliumbetonten Herbstdünger der die Zellwände stärkt und die Einlagerung von Schutzstoffen fördert. Bewässerung langsam reduzieren aber nicht abrupt stoppen.
Konkrete Regel: Ab dem 15. September keinen stickstoffhaltigen Dünger mehr. Ab Ende September Bewässerung auf ein Drittel des Sommerwertes reduzieren. Der Boden soll leicht feucht sein, nicht nass und nicht staubtrocken.
Wann genau den Winterschutz anbringen
Der Herzschutz (Kokosfaser plus Vlies über der Wachstumsspitze) sollte angebracht werden wenn die Nachttemperaturen dauerhaft unter 5 Grad fallen. "Dauerhaft" bedeutet: mehrere aufeinanderfolgende Nächte, nicht ein einzelner milder Ausreißer.
In der Praxis bedeutet das für verschiedene Regionen:
- Rheinebene, Ruhrgebiet, Hamburg: typischerweise Mitte bis Ende Oktober
- Bayern, Baden-Württemberg Flachland: Mitte Oktober bis Anfang November je nach Lage
- Brandenburg, Sachsen, Thüringen: Anfang bis Mitte Oktober, in Froststellen noch früher
- Bodensee, Oberrheintiefebene: Ende Oktober bis Mitte November
- Mittelgebirge und Hochlagen: September bis Anfang Oktober
Diese Angaben sind Richtwerte. Das konkrete Wetter des jeweiligen Jahres ist wichtiger als der Kalender. Ein warmer Oktober kann den Start um zwei Wochen verschieben, ein früher Kälteeinbruch ihn vorziehen.
Warnsignale die sofortiges Handeln erfordern
Es gibt Situationen in denen man nicht auf den "richtigen Zeitpunkt" warten kann sondern sofort handeln muss. Wenn die Wettervorhersage plötzlich Nachtfrost für die nächste Nacht ankündigt und der Schutz noch nicht angebracht ist: sofort den Herzschutz anbringen auch wenn es eigentlich noch zu früh wäre. Ein unvollkommener Herzschutz zu früh ist besser als kein Herzschutz bei Frost.
Für Jungpflanzen im ersten und zweiten Standjahr gilt grundsätzlich eine frühere Schutzwoche. Frisch eingepflanzte Palmen ohne vollständig entwickeltes Wurzelsystem sind empfindlicher und sollten schon bei regelmäßigen Temperaturen unter 8 Grad geschützt werden.
Unterschiede nach Winterhärtezone
In Zone 7b und milder (Rheinebene, Bodensee) kann eine gut eingewurzelte T. fortunei mit 40 cm Stamm oft komplett ungeschützt überwintern. Hier lautet die Frage weniger "wann anfangen" sondern "ob überhaupt". Trotzdem empfiehlt sich ein einfacher Herzschutz weil er 20 Minuten kostet und die Pflanze bei einem seltenen Extremereignis schützt.
In Zone 6 und 7a dagegen ist der Zeitpunkt wirklich entscheidend. Hier sollte der Schutz spätestens Mitte Oktober stehen und konsequent bis Mitte April bleiben. Was genau in welcher Zone sinnvoll ist erklärt der Winterhärtezonen-Ratgeber.
Kübelpflanzen brauchen früher Schutz als Freilandpflanzen weil der Wurzelballen schneller durchfriert. Bei kleinen Kübeln unter 40 Liter bereits ab den ersten Frostnächten aktiv schützen oder einräumen. Mehr dazu im Kübel-Winter-Ratgeber.
Dr. Klaus Brinkmann
Dr. Klaus Brinkmann hat an der Universität Bonn Botanik studiert und beschäftigt sich seit 1991 mit der Kultivierung subtropischer Gehölze in Mitteleuropa. In seinem Garten in der Rheinebene wachsen über 60 Palmen, davon 23 Arten im Freiland.