Was Minusgrade physiologisch für Pflanzen bedeuten
Ich habe während meiner Reisen zu Naturstandorten von Trachycarpus in Yunnan und Nepal gelernt wie diese Pflanzen mit Kälte umgehen. Was mich überraschte: die Nächte in den Hochlagen können auch im Mai noch unter den Gefrierpunkt fallen. Diese Pflanzen sind nicht durch Temperaturen allein selektiert sondern durch einen komplexen Wechsel aus Wärme und Kälte der ihnen eine Anpassungsfähigkeit gibt die im Labor schwer zu messen ist.
Wenn wir über Minusgrade sprechen gibt es drei wichtige Dimensionen die alle zusammen betrachtet werden müssen: die tiefste Temperatur, die Dauer dieser Temperatur und die Feuchtigkeit dabei. Ein kurzer Ausflug auf −15 °C in einer trockenen Kontinentalnacht schädigt eine gut abhärtete T. fortunei kaum. Zwei Wochen dauerhaft −8 °C bei feuchtem Atlantikklima kann dieselbe Pflanze ernsthaft belasten.
Ehrlicher Artenvergleich
Trachycarpus fortunei gilt als bis −18 °C winterhart. Unter Laborbedingungen und mit optimaler Abhärtung stimmt das. Im deutschen Gartenalltag sollte man für gut etablierte Pflanzen an guten Standorten mit −14 bis −16 °C als zuverlässigem Bereich rechnen. Bei mehr als das sollte man Schutz anlegen.
T. fortunei 'Bulgaria' – die Plovdiv-Originale haben −20 °C überlebt. Das ist dokumentiert und real. Samenvermehrte Nachkommen variieren aber, und nicht jede 'Bulgaria' im Handel ist von diesen Originalen abstammend. Realistisch für gut dokumentierte Bulgaria-Pflanzen: −17 bis −20 °C.
T. wagnerianus liegt etwa auf gleichem Niveau wie T. fortunei, also −16 bis −18 °C. Der Vorteil ist die Windresistenz die die gefühlte Kältebelastung durch Windchill reduziert.
Sabal minor theoretisch bis −20 °C, aber der eigentliche Vorteil ist das unterirdische Meristem das nach totalem Blattverlust wieder austreibt. Die sichtbaren Blätter können bei −10 °C bereits abfrieren – die Pflanze überlebt trotzdem.
Chamaerops humilis verlässlich bis −10 bis −12 °C. Für deutsche Verhältnisse im Freiland nur in Zone 8 und besten Zone 7b-Lagen ohne Schutz empfehlenswert.
Die Bedingungen die über alles entscheiden
Eine gut abhärtete T. fortunei an einer Südwand mit durchlässigem Boden, 60 cm Stamm, aus nordchinesischem Saatgut, mit trockenem Herzschutz – diese Pflanze übersteht −16 °C mit hoher Wahrscheinlichkeit. Dieselbe Temperatur, aber Massenware aus Süditalien, frisch ausgepflanzt, Staunässe, offenes Herz – das kann der letzte Winter der Pflanze sein.
Die Temperaturangaben auf Etiketten beschreiben das erste Szenario. Im schlechteren Szenario kann die effektive Grenze um 4 bis 6 °C höher liegen. Das ist der Grund warum keine einfache Antwort auf "wie viel Minus hält meine Palme aus" möglich ist ohne den konkreten Standort und Zustand zu kennen.
Empfehlung nach Zone
- Zone 8 (Bodensee, Oberrhein): T. fortunei ohne Schutz, Chamaerops humilis, T. latisectus
- Zone 7b (Rheinland, NRW, Hamburg): T. fortunei mit Herzschutz zuverlässig, Bulgaria für mehr Sicherheit
- Zone 7a (Großteile Deutschlands): T. fortunei aus guter Herkunft mit Schutz, Bulgaria empfohlen
- Zone 6 (Erzgebirge, Brandenburg Hochlagen): Bulgaria-Selektion, Sabal minor, konsequenter Schutz
Prof. Dr. Rainer Brodesser
Prof. Dr. Rainer Brodesser bereiste während seiner aktiven Zeit dutzende Länder und interessierte sich für seltene Pflanzenarten. Im Ruhestand widmet er sich in Brandenburg seiner privaten Hobbyzucht und schreibt über Erfahrungen mit exotischen Pflanzen im deutschen Klima.